Ungekürztes Werk "Der Schuß von der Kanzel" von Conrad Ferdinand Meyer (Seite 222)
ergriff mit tastender Hand den blonden Schopf Dianas, zog das sich von den Knien erhebende Weib in die Höhe, nahm ihre Hand, die sich nicht weigerte, öffnete die gekrampfte des Mönches und legte beide zusammen.
›Gültig! vor dem hochheiligen Sakramente!‹ frohlockte er und segnete das Paar. Der Mönch widersprach nicht und Diana schloß die Augen.
›Jetzt rasch, ehrwürdige Väter!‹ drängte der Alte, ›es eilt, wie ich meine, und ich bin in christlicher Verfassung.‹
Der Mönch und seine Braut wollten hinter die priesterliche Schar zurücktreten. ›Bleibt‹, murmelte der Sterbende, ›bleibt, daß euch meine getrösteten Augen zusammen sehen, bis sie brechen!‹ Astorre und Diana, kaum einige Schritte zurückweichend, mußten mit vereinigten Händen vor dem erlöschenden Blicke des hartnäckigen Greises verharren.
Dieser murmelte eine kurze Beichte, empfing die letzte Zehrung und verschied, während sie ihm die Sohlen salbten und der Priester den schon tauben Ohren jenes großartige: ›Brich auf, christliche Seele!‹ zurief. Das gestorbene Antlitz trug den deutlichen Ausdruck triumphierender List.
Der Tyrann hatte, während ringsum alles auf den Knien lag, die heilige Handlung sitzend und mit ruhiger Aufmerksamkeit betrachtet, etwa wie man eine fremde Sitte beschaut oder wie ein Gelehrter das auf einem Sarkophag abgebildete Opfer eines alten Volkes besichtigt. Er näherte sich dem Toten und drückte ihm die Augen zu.
Dann wendete er sich gegen Diana. ›Edle Frau‹, sagte er, ›ich denke, wir gehen nach Hause. Eure Eltern, wenn auch von Eurer Rettung unterrichtet, werden nach Euch verlangen. Auch tragt Ihr ein Gewand der Niedrigkeit, das Euch nicht kleidet.‹
›Fürst, ich danke und folge Euch‹, erwiderte Diana, ließ aber ihre Hand in der des Mönches ruhen, dessen Blicke sie bis jetzt gemieden hatte. Nun schaute sie dem Gatten voll ins Gesicht und sprach mit einer tiefen, aber wohlklingenden Stimme, während ihre Wangen sich mit dunkler Glut bedeckten: ›Mein Herr und Gebieter, wir durften die Seele des Vaters nicht umkommen lassen. So wurde ich Euer. Haltet mir bessere Treue als dem Kloster. Euer Bruder hat mich nicht geliebt. Vergebet mir, wenn ich so rede: ich sage die einfache Wahrheit. Ihr werdet an mir ein gutes und gehorsames Weib besitzen. Doch habe ich zwei Eigenschaften, welche Ihr schonen müßt. Ich bin jähzornig, wenn man mir Recht oder Ehre antastet, und darin peinlich, daß man mir nichts versprechen darf, ohne es zu halten. Schon als Kind habe ich das schwer oder nicht gelitten. Ich bin von wenig Wünschen und verlange nichts über das Alltägliche hinaus; nur wo mir einmal etwas gezeigt und zugesagt wurde, da bedarf ich der Erfüllung, sonst verliere ich den Glauben und kränke mich schwerer als andere Frauen über das Unrecht. Doch wie darf ich so zu Euch reden, mein Herr und Gebieter, den ich kaum kenne? Lebet wohl, mein Gemahl, und gebet mir neun Tage, Euern Bruder zu betrauern.‹ Jetzt löste sie langsam die Hand aus der seinigen und verschwand mit dem Tyrannen.
Inzwischen hatte die geistliche Schar den Leichnam weggehoben, um ihn in der Hauskapelle aufzubahren und einzusegnen.
Astorre stand allein in seinem verscherzten Mönchsgewande, welches eine von Reue erfüllte Brust bedeckte. Ein Heer von Dienern, das den