Ungekürztes Werk "Galgenlieder" von Christian Morgenstern (Seite 24)
und Gefäß gewann –
[(mit Überspringung) in und an
ihm Boden und Gefäß gewann].
Mit Hilfe dieser Hilfe nun
entschloß sich das Papier zum Tun,–
zum Leben, zum – gleichviel, es fing
zu gehn an – wie ein Schmetterling …
zu kriechen erst, zu fliegen drauf,
bis übers Unterholz hinauf,
dann über die Chaussee und quer
und kreuz und links und hin und her –
wie eben solch ein Tier zur Welt
(je nach dem Wind) (und sonst) sich stellt.
Doch, Freunde! werdet bleich gleich mir! –:
Ein Vogel, dick und ganz voll Gier,
erblickts (wir sind im Januar …) –
und schickt sich an, mit Haut und Haar –
und schickt sich an, mit Haar und Haut –
(wer mag da endigen!) (mir graut) –
(Bedenkt, was alles nötig war!) –
und schickt sich an, mit Haut und Haar – –
Ein Butterbrotpapier im Wald
gewinnt – aus Angst – Naturgestalt …
Genug!! Der wilde Specht verschluckt
das unersetzliche Produkt …
Droschkengauls Jännermeditation
»Ich stoße Dampf aus Haut und Nase –
der Frost entwickelt meine Gase.
Ich dringe in die Atmosphäre –
als wär ich eine Mondhof-Mähre!
Es fehlt nur, daß ich blutig glute –
so wär ich eine Nordlicht-Stute!!
Ja, dampft ich hint im Fixsternhimmel –
ich wär ein Milchstraßnebel-Schimmel!!!«
Das Auge der Maus
Das rote Auge einer Maus
lugt aus dem Loch heraus.
Es funkelt durch die Dämmerung …
Das Herz gerät in Hämmerung.
»Das Herz von wem?« Das Herz von mir!
Ich sitze nämlich vor dem Tier.
O Seele, denk an diese Maus!
Alle Dinge sind voll Graus.
Die Schuhe
Man sieht sehr häufig unrecht tun,
doch selten öfter als den Schuhn.
Man weiß, daß sie nach ewgen Normen
die Form der Füße treu umformen.
Die Sohlen scheinen auszuschweifen,
bis sie am Ballen sich begreifen.
Ein jeder merkt: es ist ein Paar.
Nur Mägden wird dies niemals klar.
Sie setzen Stiefel (wo auch immer)
einander abgekehrt vors Zimmer.
Was müssen solche Schuhe leiden!
Sie sind so fleißig, so bescheiden;
sie wollen nichts auf dieser Welt,
als daß man sie zusammenstellt,
nicht auseinanderstrebend wie
das unvernünftig blöde Vieh!
O ihr Marie, Sophie, Therese, –
der Satan wird euch einst, der böse,
die Stiefel anziehn, wenn es heißt,
hinweg zu gehn als seliger Geist!
Dann werdet ihr voll Wehgeheule
das Schicksal teilen jener Eule,
die, als zwei Hasen nach sie flog
und plötzlich jeder seitwärts bog,
der eine links, der andre rechts,
z e r r i ß (im Eifer des Gefechts)!
Wie Puppen, mitten durchgesägte,
so werdet ihr alsdann, ihr Mägde,
bei Engeln halb und halb bei Teufeln
von nie gestillten Tränen träufeln,
der Hölle ein willkommner Spott
und peinlich selbst dem lieben Gott.
Das Tellerhafte
Das Tellerhafte naht heran
auf sieben Gänsefüßen.
Das Tellerhafte naht heran,
mein Dasein zu entsüßen.
Es naht sich im gestreckten Lauf
als wie der Gaul dem Futter;
bald liegts als wie ein Fisch ihm auf
und bald wie Brot und Butter.
Ich fühle mich so recht verhext
als wie in alten Mären: –
Ich werde, werde wohl demnext
ein Galgenkind gebären.
Schicksal
Der Wolke Zickzackzunge spricht:
»lch bringe dir, mein Hammel, Licht.«
Der Hammel, der im Stalle stand,
ward links und hinten schwarz gebrannt.
Sein Leben grübelt er seitdem:
warum ihm dies geschah von wem.
Zwischendurch
Ein Hund, der naß im Regen wurde,
empfand die Nässigkeit als Burde
und wünschte sich ein Taschentuch,
um sich zum mindesten die Nase –
statt dessen wälzte er im Grase
sich, doch mit Mißerfolg, da dies
ihm gleichfalls nichts als Nässe ließ.
Das Grab des Hunds
Gestern war ich in dem Tal,
wo der Hund begraben liegt.
Trat erst durch ein Felsportal
und