Ungekürztes Werk "Galgenlieder" von Christian Morgenstern (Seite 26)

Zwi

Er war ein wunderlicher Tropf.

Er hatte außer seinem Kopf

noch einen zweiten Kopf, am Knie,

weshalb man ihn auch hieß: den Zwi.

Was Essen, Trinken, Liebe, Schlaf,

kurz, das Gewöhnliche betraf,

vertrug das Paar sich höchst bequem

nach alphabetischem System.

Mehr wert indessen war, wie es

des Denkens göttlichen Prozeß

zum allgemeinen Wohl der Welt

in der Erkenntnis Dienst gestellt.

Es gab sich nämlich klar und schlicht

von jeder Impression Bericht,

die es – und zwar vom selben Ding –

im respektiven Hirn empfing.

Z.B. las das Schädelpaar

ein Buch (im Doppelexemplar),

so fand sofort nach jedem Blatt

ein Dialog (nach Platon) statt.

Ein andermal geht unser Held

mit zwei Bananen über Feld,

bis er auf einem Meilenstein

hinsitzt mit überschlagnem Bein.

Er ißt, und kaum er ausgespeist,

interpretiert zweimal sein Geist

den Hunger, der so süß gestillt,

verdoppelnd des Genusses Bild.

Unglaublich und absonderlich!

Ein Körper, denkt euch, und zwei Ich!

Ein Mensch, der selbst sich duzt, ein Mann,

der Aug in Aug sich sitzen kann!!

Unter Spiegelbildern

Unter lauter Spiegelbildern

war ich diese Nacht im Traum.

(Laß die Phantasie nicht wildern,

halte sie vielmehr im Zaum!)

Alles war daselbst vorhanden,

was Natur und Mensch gemacht,

selbst ein Löwe, der (in Banden)

einst vor ein Trumeau gebracht.

Doch nicht ein mal nur war Tier und

Mensch und andres hier, o Graun!

Eine Frau war hundertvierund-

fünfzigtausendmal zu schaun.

Auch ein Fräulein war zur Stelle,

ganz gehüllt in blondes Haar,

die in eines Waldborns Welle

einst im Mond gestiegen war.

Leute sah man, die man nie sonst

so gesehn (und umgekehrt);

wer ein Vieh sonst, ein Genie sonst,

hier erst sah man seinen Wert.

Hüt dich drum, du sichres Siegel,

wer du seist und wo du seist;

sieh dich niemals in den Spiegel,

sonst verfällst du meinem Geist.

Deines Spiegels dunkle Klarheit

hat dein Bild, du weißt nicht wie,

und dann seh ich deine Wahrheit;

denn die Spiegel lügen nie.

Deus Artifex

Wer kennte nicht die wackre Mähre,

die, täglich weniger gespeist,

zuletzt, gedrängt von innrer Leere,

emporfuhr als verklärter Geist?

Dies Tier ward Richards Rosinante,

als er sein bodlos Leben schloß.

Es hob der große Unbekannte

höchstselbst den Seligen aufs Roß.

Worauf er sprach: »Du mochtest wähnen,

du seist ein gottverlaßner Tropf.

Ich habe stets bei meinen Plänen

ein ganz bestimmtes Bild im Kopf.«

Und schritt hinweg. Der ganze Himmel

sprang auf und wünschte Richard Glück …

Und traun! Der Mann samt seinem Schimmel

war in der Tat ein Meisterstück.

Die Fledermaus

Kurhauskonzertbierterrassenereignis

Die Fledermaus

hört ›sich‹ von Strauß.

Der Bogen-Mond

wirkt ungewohnt.

Es rührt ihr Flugel

die Milchglaskugel.

Der Damen Schar:

»Mein Hut! Mein Haar!«

Sie stürzt, wirr – worr – –

'nem Gast ins Pschorr.

Der Pikkolo

entfernt sie: –: so –: …

Die ›Fledermaus‹

ist grade aus.

Das Buch

Ein Buch lag aufgeschlagen,

  auf irgendeinem Pult,

    in irgendeiner Nacht.

Auf seinen Seiten ruhte

  des Mondes bleiches Licht,

    des Mondes blasse Lust.

Da ließ die zwei Paginen

  der zwei Paginen Geist,

    der zwei Paginen Sinn.

Und florte wie ein Schleier,

  vom Mondenlicht gelockt,

    ins Mondenlicht hinein.

Der Schleier wies die Sonne

  (sie stieg von Seite neun

    bis Seite zehn empor

in ihrem schönsten Feuer,

  ein strahlend Phänomen,

    ein flammendes Geleucht) …

Sie hing in Mondspinnweben,

  ein güldner Ball des Glücks,

    ein güldnes heiliges Herz!

Der Fensterrahmen rückte.

  Die Klause wurde blau.

    Der Schleier sank zurück.

Das Buch lag wieder traumhaft

  samt seiner Majestät

    im wieder nächtigen Raum.

Ein Sturmstoß kam es blättern …

  Ein Sturmstoß schloß die Mär.

    Vom Turm her scholl es zwölf.

Die Unterhose

Heilig ist die Unterhose,

wenn sie sich in Sonn und Wind,

frei von ihrem Alltagslose,

auf ihr wahres Selbst

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