Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 15)
künftigen Erkennszene recht erröten sollte – die Frage an ihn, was er seinesorts vom Dichter für das Schlechteste halte. »Alles«, versetzte er, »da ich die Schnurren noch nicht gelesen. Mich wunderts am meisten, daß er als Edelmann und Reicher etwas schreibt; sonst taugen in Papiermühlen wohl die groben Lumpen zu Papier, aber nicht die seidnen.« Nieß fragte, ob er nicht in der Jugend Verse gemacht. »Pope«, gab er zur Antwort, »entsann sich der Zeit nicht, wo er keine geschmiedet, ich erinnere mich derjenigen nicht, wo ich dergleichen geschaffen hätte. Nur einmal mag ich, als verliebter Geßners-Schäfer und Primaner, so wie in Krankheiten sogar die Venen pulsieren, in Poetasterei hineingeraten sein, vor einem dummen Ding von Mädchen – Gott weiß, wo die Göttin jetzt ihre Ziegen melkt. – Ich stellte ihr die schöne Natur vor, die schon dalag, und warf die Frage auf: ›Sieh, Suse, blüht nicht alles vor uns wie wir, der Wiesenstorchschnabel und die große Gänseblume und das Rindsauge und die Gichtrose und das Lungenkraut bis zu den Schlehengipfeln und Birnenwipfeln hinauf? Und überall bestäuben sich die Blumen zur Ehe, die jetzt dein Vieh frißt?‹ – Sie antwortete gerührt: ›Wird Er immer so an mich denken, Amandus?‹ – Ich versetzte wild: ›Beim Henker, an uns beide; wohin ich künftig auch verschlagen und verfahren werde, und in welchen fernen Fluß und Bach ich auch einst schauen werde – es sei in die Schweine in Meiningen – oder in die Besau und die Gesau im Henneberg – oder in die wilde Sau in Böhmen – oder in die Wampfe in Lüneburg – oder in den Lumpelbach in Salzburg – oder in die Starzel in Tirol – oder in die Kratza oder in den Galgenbach in der Oberpfalz –, in welchen Bach, ich, schwör ich dir, künftig schauen werde, stets werd ich darin mein Gesicht erblicken und dadurch auf deines kommen, das so oft an meinem gewesen, Suse.‹ – Jetzt freilich, Herr v. Nieß, sprech ich prosaischer.«
Nieß griff feurig nach des Doktors Hand und sagte: das scherzhafte Gewand verberge ihm doch nicht das weiche Herz darunter. »Ich muß auch durchaus früherer Zeit zu weich und flüssig gewesen sein«, versetzte dieser, »weil ich sonst nicht gehörig hart und knöchern hätte werden können; denn es ist geistig wie mit dem Leibe, in welchem bloß aus dem Flüssigen sich die Knochen und alles Harte erzeugt, und wenn ein Mann harte Eiszapfenworte ausstößt, so sollte dies wohl der beste Beweis sein, wieviel weiche Tränen er sonst vergossen.« – »Immer schöner!« rief Nieß. –
»O Gott nein!« rief Theoda im gereizten Tone.
Der Edelmann schob sogleich etwas Schmeichelndes, nämlich einen neuen Zug von Theudobach ein, den er mit ihm teile, nämlich den Genuß der Natur. »Also auch des Maies?« fragte der Doktor; Nieß nickte. Hierauf erzählte dieser: darüber hab er seine erste Braut verloren; denn er habe, da sie an einem schönen Morgen von ihren Maigenüssen gesprochen, versetzt, auch er habe nie so viele gehabt als in diesem Mai, wegen der unzähligen Maikäfer; als er darauf zum Beweise einige