Ungekürztes Werk "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul (Seite 20)

Herz dem Lieben, aber Sie springen zu ungestüm mit seiner Natur um. – In der Tat, Sie legen es ordentlich darauf an, daß er sich über Gefühle recht seltsam und ohne Gefühle ausdrücke. Täte dies wohl Ihr Theudobach?« – »Gewiß«, sagt' er, »aber in meinem Sinne. Denn Ihren Vater, liebreiche Tochter, nehm ich viel besser als der Haufe. Mich hindert seine satirische Enkaustik nicht, dahinter ein warmes Herz zu sehn. Recht geschliffnes Eis ist ein Brennglas. Man ist ohnehin der alltäglichen Liebfloskeln der Bücher so satt! O dieser milde Schläfer vor uns ist vielleicht wärmer, als wir glauben, und ist seiner Tochter so wert!« Katzenberger, eben warm und heiß vom nahen Nachmittagschlummer, hätt etwas darum gegeben, wenn ihm sein Gesicht von ­einem Gespenste wäre gegen den Rücken und das Kutschen-Fensterchen gedreht gewesen, damit er ungesehen hätte lächeln können; wenigstens aber schnarchte er.

Theoda indes, nie mit einer lauen oder höflichen Überzeugung zufrieden, suchte den Poeten für den Vater noch stärker anzuwärmen durch das Berichten, wie dieser, bei dem Scheine einer geizigen Laune, ganz uneigennützig als heilender Arzt Armen öfter als Vornehmen zu Hülfe eile und dabei lieber in den seltensten, gefahrvollsten als in gefahrlosen Krankheiten der Schutzengel werde. Jedes Wort war eine Wahrheit; aber die Tochter, voll kindlicher und jeder Liebe, kam freilich nicht dahinter, daß ihm eigentlich die Wissenschaft, nicht der Kranke höher stand als Geld, und daß er mit einer gewaltigen Gegnerin von kranker Natur am liebsten das medizinische Schach spielte, weil aus der größern Verwicklung die größere Lehrbeute zu holen war; ja, er würde für eine stichhaltige Versicherung der bloßen Leichenöffnung jeden umsonst in die Kur genommen haben aus Liebe zur Anatomie.

»Vollends aber die Güte, womit mein genialer Vater alle Wünsche erfüllt, mit welchen ich nicht gerade seinen wissenschaftlichen Eifer störe, und was er alles für meine Bildung getan, kann ich als Tochter leichter in meinem Herzen verehren, als durch Worte andern enthüllen; aber schmerzen muß es mich jederzeit, wenn ich ihn bei andern, da er Stand und fremdes Urteil gar zu wenig achtet, ordentlich darauf ausgehen sehe, verkannt zu werden.« – Du warme Verblendete! – So wie wir alle merken, bildet sie sich ein, den Poeten Nieß durch Preisen für ihren Vater zu gewinnen, für einen Mann, der ihm doch ins Gesicht gesagt, seine Nasenwurzel sei zu dünn. Schwerlich sind Wurzelwörter eines solchen Ärgers je auszuziehen, und aus der Nasenwurzel wird ein Nieß – da es etwas andres sein würde, wenn statt der Eitelkeit bloß sein Stolz beleidigt worden – immer etwas Stechendes gegen den Doktor wachsen lassen.

Dafür aber zog sich aller Weihrauch, den die Tochter für den Vater verbrannte, auf sie selber zurück in Nießens Nase, und am Ende konnt er sie kaum anhören vor Anblicken; so daß ihm nichts fehlte zu einer poetischen Umhalsung Theodas als der wahre Schlaf des alten Fuchses. Indes ging er auf andere Weisen über, Lieben auszusprechen, und legte solche an ­einem bekannten Theudobachischen Schauspiel, »Die scheue Liebe«, zergliedernd auseinander. Ein Bühnen-Dichter vieler Stücke oder ein Kunstrichter aller Stücke hat oder

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