Wolfgang Borchert / Biographie

In diesem Gerichtsverfahren gibt es nur zwei Möglichkeiten: Freispruch oder Todesstrafe. Am 31. Juli 1942 findet sein Prozess statt. Er bittet den Rechtsanwalt Dr. C. H. Hager, Gatte seiner früheren Mentorin Aline Hager, ihn zu verteidigen. Hager plädiert auf Freispruch – der Ankläger fordert die Todesstrafe. Doch der Kriegsgerichtsrat glaubt der Darstellung Borcherts: Freispruch für den Angeklagten. Doch dem Gericht liegen verschiedene Briefe und Bemerkungen Borcherts vor, die als „staatsgefährdend“ eingestuft werden. So bleibt Borchert in Untersuchungshaft; noch einmal wird ihm der Prozess gemacht.

Was hat er geschrieben, sodass er nach dem „Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei vom 20. Dezember 1934“ zu vier Monaten Gefängnis verurteilt wird?

„Meine Kameraden, die vor vierzehn Tagen herausgekommen sind, sind alle gefallen. Für nichts und wieder nichts. Ich empfinde die Kasernen als Zwingburgen des dritten Reiches. Ich fühle mich selbst als Kuli der braunen Soldateska.“

Die Verteidigung bewirkt, dass das Urteil zu sechs Wochen Haft gemildert wird – mit anschließender Frontbewährung. Wie Borchert Gefangenschaft erlebte, hat er in der meisterlichen Kurzgeschichte „Die Hundeblume“ (1947) in Literatur verwandelt.

Nach Verbüßung der Haft im Oktober 1942 kommt Wolfgang Borchert zunächst nach Saalfeld, wo das Ersatzbataillon seines früheren Regiments stationiert ist, dann zur Garnison in Jena. Im Dezember 1942 wird er dann wieder in Russland eingesetzt: als Melder, ohne Waffe, in den Kämpfen um Toropez. Mit Fußerfrierungen wird Borchert ins Lazarett gebracht; als Fieberanfälle auftreten, vermutet man Fleckfieber, und er wird ins Seuchenlazarett Smolensk verlegt. Jeden Tag ein halbes Dutzend Tote. Draußen siebenhundert Gräber von Soldaten, die am Fleckfieber starben.

Eindringlich wird Borchert diese Erfahrungen später in der Erzählung „An diesem Dienstag“ (1947) darstellen – in kurzen, aufs Äußerste reduzierten Szenen.

Wolfgang Borcherts Zustand treibt ihn einerseits in tiefe Depressionen; dann wieder versucht er in fiebriger Lebenslust bisher Versäumtes nachzuholen. Mit dem russischen Mädchen Fina und der sieben Jahre älteren Krankenschwester Elisabeth aus dem Rheinland – sie habe einen „Hang für Jünglinge“, schreibt er in einem Brief – hat er kurze Liebschaften. Seinen Eltern gegenüber nennt er das „Verlobungen“ ...