Ungekürztes Werk "Schach von Wuthenow" von Theodor Fontane (Seite 8)
Aber, was ich in der Kunst liebe, das ist ein solches poetisches Suchen und Tappen.”
Bülow lächelte vor sich hin und schien sagen zu wollen: “Ein jeder nach seinen Mitteln.”
Schach aber führte Victoire an das Klavier, und diese sang, während er begleitete:
Die Blüte, sie schläft so leis und lind
Wohl in der Wiege von Schnee;
Einlullt sie der Winter: “Schlaf ein geschwind,
Du blühendes Kind.”
Und das Kind es weint und verschläft sein Weh,
Und hernieder steigen aus duftiger Höh
Die Schwestern und lieben und blühn ...
Eine kleine Pause trat ein, und Frau von Carayon fragte: “Nun, Herr Sander, wie besteht es vor Ihrer Kritik?” “Es muß sehr schön sein”, antwortete dieser. “Ich versteh es nicht. Aber hören wir weiter. Die Blüte, die vorläufig noch schläft, wird doch wohl mal erwachen.”
Und kommt der Mai dann wieder so lind,
Dann bricht er die Wiege von Schnee,
Er schüttelt die Blüte: “Wach auf geschwind,
Du welkendes Kind.”
Und es hebt die Äuglein, es tut ihm weh,
Und steigt hinauf in die leuchtende Höh',
Wo strahlend die Brüderlein blühn.
Ein lebhafter Beifall blieb nicht aus. Aber er galt ausschließlich Victoiren und der Komposition, und als schließlich auch der Text an die Reihe kam, bekannte sich alles zu Sanders ketzerischen Ansichten.
Nur Bülow schwieg. Er hatte, wie die meisten mit Staatenuntergang beschäftigten Frondeurs, auch seine schwachen Seiten, und eine davon war durch das Lied getroffen worden. An dem halbumwölkten Himmel draußen funkelten ein paar Sterne, die Mondsichel stand dazwischen, und er wiederholte, während er durch die Scheiben der hohen Balkontür hinaufblickte: “Wo strahlend die Brüderlein blühn.”
Wider Wissen und Willen war er ein Kind seiner Zeit und romantisierte.
Noch ein zweites und drittes Lied wurde gesungen, aber das Urteil blieb dasselbe. Dann trennte man sich zu nicht allzu später Stunde.
3
Bei Sala Tarone
Die Turmuhren auf dem Gensdarmenmarkt schlugen elf, als die Gäste der Frau von Carayon auf die Behrenstraße hinaustraten und nach links einbiegend auf die Linden zuschritten. Der Mond hatte sich verschleiert, und die Regenfeuchte, die bereits in der Luft lag und auf Wetterumschlag deutete, tat allen wohl. An der Ecke der Linden empfahl sich Schach, allerhand Dienstliches vorschützend, während Alvensleben, Bülow und Sander übereinkamen, noch eine Stunde zu plaudern.
“Aber wo?” fragte Bülow, der im ganzen nicht wählerisch war, aber doch einen Abscheu gegen Lokale hatte, darin ihm “Aufpasser und Kellner die Kehle zuschnürten”.
“Aber wo?” wiederholte Sander. “Sieh, das Gute liegt so nah”, und wies dabei auf einen Eckladen, über dem in mäßig großen Buchstaben zu lesen stand: Italiener-, Wein- und Delikatessenhandlung von Sala Tarone. Da schon geschlossen war, klopfte man an die Haustür, an deren einer Seite sich ein Einschnitt mit einer Klappe befand. Und wirklich, gleich darauf öffnete sich's von innen, ein Kopf erschien am Guckloch, und als Alvenslebens Uniform über den Charakter der etwas späten Gäste beruhigt hatte, drehte sich innen der Schlüssel im Schloß, und alle drei traten ein. Aber der Luftzug, der ging, löschte den Blaker aus, den der Küfer in Händen hielt, und nur eine ganz im Hintergrunde, dicht über der Hoftür schwelende Laterne gab gerade noch Licht genug, um das Gefährliche der