Ungekürztes Werk "Die Leiden des Jungen Werthers" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 39)
schuld daran, die Ihr mich sporntet und triebt und quältet, mich in einen Posten zu begeben, der nicht nach meinem Sinne war. Nun hab ich's, nun habt Ihr's. Und daß Du nicht wieder sagst, meine überspannten Ideen verdürben alles, so hast Du hier, lieber Herr, eine Erzählung, plan und nett, wie ein Chronikenschreiber das aufzeichnen würde.
Der Graf von C... liebt mich, distinguiert mich, das ist bekannt, das hab ich Dir schon hundertmal gesagt. Nun war ich bei ihm zu Tische gestern, eben an dem Tage, da abends die noble Gesellschaft von Herren und Frauen bei ihm zusammenkommt, an die ich nie gedacht hab, auch mir nie aufgefallen ist, daß wir Subalternen nicht hineingehören. Gut. Ich speise beim Grafen, und nach Tische gehn wir im großen Saale auf und ab, ich rede mit ihm, mit dem Obrist B..., der dazukommt, und so rückt die Stunde der Gesellschaft heran. Ich denke, Gott weiß, an nichts. Da tritt herein die übergnädige Dame von S... mit dero Herrn Gemahl und wohlausgebrüteten Gänslein Tochter mit der flachen Brust und niedlichem Schnürleib, machen en passant ihre hergebrachten hochadligen Augen und Naslöcher, und wie mir die Nation von Herzen zuwider ist, wollt ich eben mich empfehlen und wartete nur, bis der Graf vom garstigen Gewäsche frei wäre, als eben meine Fräulein B... hereintrat; da mir denn das Herz immer ein bißchen aufgeht, wenn ich sie sehe, blieb ich eben, stellte mich hinter ihren Stuhl und bemerkte erst nach einiger Zeit, daß sie mit weniger Offenheit als sonst, mit einiger Verlegenheit mit mir redte. Das fiel mir auf. Ist sie auch wie all das Volk, dacht ich, hol sie der Teufel! und war angestochen und wollte gehn, und doch blieb ich, weil ich intrigiert war, das Ding näher zu beleuchten. Überdem füllt sich die Gesellschaft. Der Baron F... mit der ganzen Garderobe von den Krönungszeiten Franz' des Ersten her, der Hofrat R..., hier aber in qualitate Herr von R... genannt, mit seiner tauben Frau etc., den übel fournierten J... nicht zu vergessen, bei dessen Kleidung Reste des Altfränkischen mit dem neust Aufgebrachten kontrastieren etc., das kommt all, und ich rede mit einigen meiner Bekanntschaft, die alle sehr lakonisch sind, ich dachte – und gab nur auf meine B... acht. Ich merkte nicht, daß die Weiber am Ende des Saals sich in die Ohren pisperten, daß es auf die Männer zirkulierte, daß Frau von S... mit dem Grafen redte (das alles hat mir Fräulein B... nachher erzählt), bis endlich der Graf auf mich losging und mich in ein Fenster nahm. »Sie wissen«, sagt er, »unsere wunderbaren Verhältnisse, die Gesellschaft ist unzufrieden, merk ich, Sie hier zu sehn, ich wollte nicht um alles –« – »Ihro Exzellenz«, fiel ich ein, »ich bitte tausendmal um Verzeihung, ich hätte eher dran denken sollen, und ich weiß, Sie verzeihen mir diese Inkonsequenz, ich wollte schon vorhin mich empfehlen, ein böser Genius hat mich zurückgehalten«, setzte ich lächelnd hinzu, indem ich mich neigte. Der Graf drückte meine Hände mit einer Empfindung, die alles sagte.