Ungekürztes Werk "Die Leiden des Jungen Werthers" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 40)

Ich machte der vornehmen Gesellschaft mein Kompliment, ging und setzte mich in ein Kabriolett und fuhr nach M..., dort vom Hügel die Sonne untergehen zu sehen und dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zu lesen, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinhirten bewirtet wird. Das war all gut.

Des Abends komm ich zurück zu Tische. Es waren noch wenige in der Gaststube, die würfelten auf einer Ecke, hatten das Tischtuch zurückgeschlagen. Da kommt der ehrliche A... hinein, legt seinen Hut nieder, indem er mich ansieht, tritt zu mir und sagt leise: »Du hast Verdruß gehabt?« – »Ich?« sagt ich.– »Der Graf hat dich aus der Gesellschaft gewiesen.« – »Hol sie der Teufel«, sagt ich, »mir war's lieb, daß ich in die freie Luft kam.« – »Gut«, sagt er, »daß du's auf die leichte Achsel nimmst. Nur verdrießt mich's. Es ist schon überall herum.« Da fing mir das Ding erst an zu wurmen. Alle, die zu Tische kamen und mich ansahen, dacht ich, die sehen dich darum an! Das fing an, mir böses Blut zu setzen.

Und da man nun heute gar, wo ich hintrete, mich bedauert, da ich höre, daß meine Neider nun triumphieren und sagen: da sähe man's, wo's mit den Übermütigen hinausging, die sich ihres bißchen Kopfs überhüben und glaubten, sich darum über alle Verhältnisse hinaussetzen zu dürfen, und was des Hundegeschwätzes mehr ist. Da möchte man sich ein Messer ins Herz bohren. Denn man rede von Selbständigkeit, was man will, den will ich sehn, der dulden kann, daß Schurken über ihn reden, wenn sie eine Prise über ihn haben. Wenn ihr Geschwätz leer ist, ach! da kann man sie leicht lassen.

Am 16. März.

Es hetzt mich alles! Heut treff ich die Fräulein B... in der Allee. Ich konnte mich nicht enthalten, sie anzureden und ihr, sobald wir etwas entfernt von der Gesellschaft waren, meine Empfindlichkeit über ihr neuliches Betragen zu zeigen. »O Werther«, sagte sie mit einem innigen Tone, »konnten Sie meine Verwirrung so auslegen, da Sie mein Herz kennen. Was ich gelitten habe um Ihrentwillen von dem Augenblicke an, da ich in den Saal trat! Ich sah alles voraus, hundertmal saß mir's auf der Zunge, es Ihnen zu sagen, ich wußte, daß die von S... und T... mit ihren Männern eher aufbrechen würden, als in Ihrer Gesellschaft zu bleiben, ich wußte, daß der Graf es nicht mit ihnen verderben darf, und jetzo der Lärm.« – »Wie, Fräulein?« sagt ich und verbarg meinen Schrecken, denn alles, was Adelin mir ehgestern gesagt hatte, lief mir wie siedend Wasser durch die Adern in diesem Augenblicke. »Was hat's mich schon gekostet!« sagte das süße Geschöpf, indem ihr die Tränen in den Augen stunden. Ich war nicht Herr mehr von mir selbst, war im Begriff, mich ihr zu Füßen zu werfen. »Erklären Sie sich«, ruft ich. Die Tränen liefen ihr die Wangen herunter, ich war außer mir. Sie trocknete sie ab, ohne sie verbergen zu wollen. »Meine Tante kennen Sie«, fing sie an; »sie war gegenwärtig und hat, o mit was für Augen

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