Ungekürztes Werk "Die Leiden des Jungen Werthers" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 41)

hat sie das angesehn. Werther, ich habe gestern nacht ausgestanden und heute früh eine Predigt über meinen Umgang mit Ihnen, und ich habe müssen zuhören Sie herabsetzen, erniedrigen und konnte und durfte Sie nur halb verteidigen.«

Jedes Wort, das sie sprach, ging mir wie Schwerter durchs Herz. Sie fühlte nicht, welche Barmherzigkeit es gewesen wäre, mir das alles zu verschweigen, und nun fügte sie noch all dazu, was weiter würde geträtscht werden, was die schlechten Kerls alle darüber triumphieren würden. Wie man nunmehro meinen Übermut und Geringschätzung andrer, das sie mir schon lange vorwerfen, gestraft, erniedrigt ausschreien würde. Das alles, Wilhelm, von ihr zu hören mit der Stimme der wahrsten Teilnehmung. Ich war zerstört und bin noch wütend in mir. Ich wollte, daß sich einer unterstünde, mir's vorzuwerfen, daß ich ihm den Degen durch den Leib stoßen könnte! Wenn ich Blut sähe, würde mir's besser werden. Ach ich hab hundertmal ein Messer ergriffen, um diesem gedrängten Herzen Luft zu machen. Man erzählt von einer edlen Art Pferde, die, wenn sie schröcklich erhitzt und aufgejagt sind, sich selbst aus Instinkt eine Ader aufbeißen, um sich zum Atem zu helfen. So ist mir's oft, ich möchte mir eine Ader öffnen, die mir die ewige Freiheit schaffte.

Am 24. März.

Ich habe meine Dimission bei Hofe verlangt und werde sie, hoff ich, erhalten, und Ihr werdet mir verzeihen, daß ich nicht erst Permission dazu bei Euch eingeholt habe. Ich mußte nun einmal fort, und was Ihr zu sagen hattet, um mir das Bleiben einzureden, weiß ich all, und also – Bring das meiner Mutter in einem Säftchen bei, ich kann mir selbst nicht helfen, also mag sie sich's gefallen lassen, wenn ich ihr auch nicht helfen kann. Freilich muß es ihr weh tun. Den schönen Lauf, den ihr Sohn grad zum Geheimrat und Gesandten ansetzte, so auf einmal Halte zu sehen, und rückwärts mit dem Tierchen in Stall. Macht nun draus, was Ihr wollt, und kombiniert die mögliche Fälle, unter denen ich hätte bleiben können und sollen. Genug, ich gehe. Und damit Ihr wißt, wo ich hinkomme, so ist hier der Fürst ***, der viel Geschmack an meiner Gesellschaft findet, der hat mich gebeten, da er von meiner Absicht hörte, mit ihm auf seine Güter zu gehen und den schönen Frühling da zuzubringen. Ich soll ganz mir selbst gelassen sein, hat er mir versprochen, und da wir uns zusammen bis auf einen gewissen Punkt verstehn, so will ich's denn auf gut Glück wagen und mit ihm gehn.

Den 19. April.

Zur Nachricht.

Danke für Deine beiden Briefe. Ich antwortete nicht, weil ich diesen Brief liegen ließ, bis mein Abschied von Hofe da wäre, weil ich fürchtete, meine Mutter möchte sich an den Minister wenden und mir mein Vorhaben erschweren. Nun aber ist's geschehen, mein Abschied ist da. Ich mag Euch nicht sagen, wie ungern man mir ihn gegeben hat und was mir der Minister schreibt, Ihr würdet in neue Lamentationen ausbrechen. Der Erbprinz hat mir zum Abschiede fünf­und­zwanzig Dukaten geschickt, mit einem Wort, das mich bis

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