Ungekürztes Werk "Faust 2" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 43)

seht und niemand euch erblickt!

Da müßtet ihr an solchen Orten wohnen,

Wo Pracht und Kunst auf gleichem Sitze thronen,

Wo jeden Tag, behend, im Doppelschritt,

Ein Marmorblock als Held ins Leben tritt,

Wo –

PHORKYADEN. Schweige still und gib uns kein Gelüsten!

Was hülf es uns, und wenn wirs besser wüßten?

In Nacht geboren, Nächtlichem verwandt,

Beinah uns selbst, ganz allen unbekannt!

MEPHISTOPHELES. In solchem Fall hat es nicht viel zu sagen,

Man kann sich selbst auch andern übertragen.

Euch dreien gnügt ein Auge, gnügt ein Zahn;

Da ging es wohl auch mythologisch an,

In zwei die Wesenheit der drei zu fassen,

Der dritten Bildnis mir zu überlassen,

Auf kurze Zeit.

EINE.                Wie dünkts euch? ging es an?

DIE ANDERN. Versuchen wirs! – Doch ohne Aug und Zahn.

MEPHISTOPHELES.

Nun habt ihr grad das Beste weggenommen;

Wie würde da das strengste Bild vollkommen!

EINE. Drück du ein Auge zu, 's ist leicht geschehn,

Laß alsofort den einen Raffzahn sehn,

Und im Profil wirst du sogleich erreichen,

Geschwisterlich vollkommen uns zu gleichen.

MEPHISTOPHELES. Viel Ehr! Es sei!

PHORKYADEN.                                    Es sei!

MEPHISTOPHELES als Phorkyar im Profil. Da steh ich schon,

Des Chaos vielgeliebter Sohn!

PHORKYADEN. Des Chaos Töchter sind wir unbestritten.

MEPHISTOPHELES.

Man schilt mich nun, o Schmach! Hermaphroditen.

PHORKYADEN. Im neuen Drei der Schwestern welche Schöne!

Wir haben zwei der Augen, zwei der Zähne!

MEPHISTOPHELES. Vor aller Augen muß ich mich verstecken,

Im Höllenpfuhl die Teufel zu erschrecken. Ab.

 

Felsbuchten des Ägäischen Meers

 

Mond, im Zenit verharrend.

SIRENEN auf den Klippen umhergelagert, flötend und singend.

Haben sonst bei nächtigem Grauen

Dich thessalische Zauberfrauen

Frevelhaft herabgezogen,

Blicke ruhig von dem Bogen

Deiner Nacht auf Zitterwogen

Mildeblitzend Glanzgewimmel

Und erleuchte das Getümmel,

Das sich aus den Wogen hebt!

Dir zu jedem Dienst erbötig,

Schöne Luna, sei uns gnädig!

NEREIDEN UND TRITONEN als Meerwunder.

Tönet laut in schärfern Tönen,

Die das breite Meer durchdröhnen:

Volk der Tiefe ruft fortan!

Vor des Sturmes grausen Schlünden

Wichen wir zu stillsten Gründen:

Holder Sang zieht uns heran.

Seht, wie wir im Hochentzücken

Uns mit goldenen Ketten schmücken,

Auch zu Kron und Edelsteinen

Spang und Gürtelschmuck vereinen!

Alles das ist eure Frucht:

Schätze, scheiternd hier verschlungen,

Habt ihr uns herangesungen,

Ihr Dämonen unsrer Bucht.

SIRENEN. Wissens wohl, in Meeresfrische

Glatt behagen sich die Fische,

Schwanken Lebens ohne Leid;

Doch, ihr festlich regen Scharen,

Heute möchten wir erfahren,

Daß ihr mehr als Fische seid.

NEREIDEN UND TRITONEN.

Ehe wir hieher gekommen,

Haben wirs zu Sinn genommen;

Schwestern, Brüder, jetzt geschwind!

Heut bedarfs der kleinsten Reise

Zum vollgültigsten Beweise,

Daß wir mehr als Fische sind.

Entfernen sich.

SIRENEN. Fort sind sie im Nu!

Nach Samothrake grade zu,

Verschwunden mit günstigem Wind.

Was denken sie zu vollführen

Im Reiche der hohen Kabiren?

Sind Götter, wundersam eigen,

Die sich immerfort selbst erzeugen

Und niemals wissen, was sie sind!

Bleibe auf deinen Höhn,

Holde Luna, gnädig stehn,

Daß es nächtig verbleibe,

Uns der Tag nicht vertreibe!

THALES am Ufer zu Homunculus.

Ich führte dich zum alten Nereus gern;

Zwar sind wir nicht von seiner Höhle fern,

Doch hat er einen harten Kopf,

Der widerwärtige Sauertopf.

Das ganze menschliche Geschlecht

Machts

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