Ungekürztes Werk "Faust 2" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 41)

eigne Hand!

Denn wo Gespenster Platz genommen,

Ist auch der Philosoph willkommen.

Damit man seiner Kunst und Gunst sich freue,

Erschafft er gleich ein Dutzend neue.

Wenn du nicht irrst, kommst du nicht zu Verstand!

Willst du entstehn, entsteh auf eigne Hand!

HOMUNCULUS. Ein guter Rat ist auch nicht zu verschmähn.

MEPHISTOPHELES. So fahre hin! Wir wollens weiter sehn.

Trennen sich.

ANAXAGORAS zu Thales.

Dein starrer Sinn will sich nicht beugen;

Bedarf es weitres, dich zu überzeugen?

THALES. Die Welle beugt sich jedem Winde gern;

Doch hält sie sich vom schroffen Felsen fern.

ANAXAGORAS. Durch Feuerdunst ist dieser Fels zu Handen.

THALES. Im Feuchten ist Lebendiges erstanden.

HOMUNCULUS zwischen beiden.

Laßt mich an eurer Seite gehn!

Mir selbst gelüstets zu entstehn.

ANAXAGORAS. Hast du, o Thales, je in einer Nacht

Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht?

THALES. Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen

Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.

Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,

Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.

ANAXAGORAS. Hier aber wars! Plutonisch-grimmig Feuer,

Äolischer Dünste Knallkraft, ungeheuer,

Durchbrach des flachen Bodens alte Kruste,

Daß neu ein Berg sogleich entstehen mußte.

THALES. Was wird dadurch nun weiter fortgesetzt?

Er ist auch da, und das ist gut zuletzt.

Mit solchem Streit verliert man Zeit und Weile

Und führt doch nur geduldig Volk am Seile.

ANAXAGORAS. Schnell quillt der Berg von Myrmidonen,

Die Felsenspalten zu bewohnen:

Pygmäen, Imsen, Däumerlinge

Und andre tätig-kleine Dinge.

Zum Homunculus.

Nie hast du Großem nachgestrebt,

Einsiedlerisch-beschränkt gelebt;

Kannst du zur Herrschaft dich gewöhnen,

So laß ich dich als König krönen.

HOMUNCULUS. Was sagt mein Thales?

THALES.                                                     Wills nicht raten!

Mit Kleinen tut man kleine Taten,

Mit Großen wird der Kleine groß.

Sieh hin! die schwarze Kranichwolke!

Sie droht dem aufgeregten Volke

Und würde so dem König drohn.

Mit scharfen Schnäbeln, krallen Beinen,

Sie stechen nieder auf die Kleinen;

Verhängnis wetterleuchtet schon.

Ein Frevel tötete die Reiher,

Umstellend ruhigen Friedensweiher.

Doch jener Mordgeschosse Regen

Schafft grausam-blutgen Rachesegen,

Erregt der Nahverwandten Wut

Nach der Pygmäen frevlem Blut.

Was nützt nun Schild und Helm und Speer?

Was hilft der Reiherstrahl den Zwergen?

Wie sich Daktyl und Imse bergen!

Schon wankt, es flieht, es stürzt das Heer.

ANAXAGORAS nach einer Pause feierlich.

Konnt ich bisher die Unterirdischen loben,

So wend ich mich in diesem Fall nach oben. –

Du droben, ewig Unveraltete,

Dreinamig-Dreigestaltete,

Dich ruf ich an bei meines Volkes Weh,

Diana, Luna, Hekate!

Du Brusterweiternde, im Tiefsten Sinnige,

Du Ruhigscheinende, Gewaltsam-Innige,

Eröffne deiner Schatten grausen Schlund!

Die alte Macht sei ohne Zauber kund!

Pause.

Bin ich zu schnell erhört?

Hat mein Flehn

Nach jenen Höhn

Die Ordnung der Natur gestört?

Und größer, immer größer nahet schon

Der Göttin rundumschriebner Thron,

Dem Auge furchtbar, ungeheuer!

Ins Düstre rötet sich sein Feuer. –

Nicht näher! drohend-mächtige Runde

Du richtest uns und Land und Meer zugrunde!

So wär es wahr, daß dich thessalische Frauen

In frevlend-magischem Vertrauen

Von deinem Pfad herabgesungen?

Verderblichstes dir abgerungen? –

Das lichte Schild hat sich umdunkelt:

Auf einmal reißts und blitzt und funkelt!

Welch ein Geprassel! welch ein Zischen!

Ein Donnern, Windgetüm dazwischen! –

Demütig zu des

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