Ungekürztes Werk "Faust 2" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 45)

Wellenreich durchgleiten?

Als wie nach Windes Regel

Anzögen weiße Segel,

So hell sind sie zu schauen,

Verklärte Meeresfrauen!

Laßt uns herunterklimmen!

Vernehmt ihr doch die Stimmen.

NEREIDEN UND TRITONEN.

Was wir auf Händen tragen,

Soll allen euch behagen.

Chelonens Riesenschilde

Entglänzt ein streng Gebilde:

Sind Götter, die wir bringen!

Müßt hohe Lieder singen.

SIRENEN. Klein von Gestalt,

Groß von Gewalt,

Der Scheiternden Retter,

Uralt-verehrte Götter!

NEREIDEN UND TRITONEN.

Wir bringen die Kabiren,

Ein friedlich Fest zu führen;

Denn wo sie heilig walten,

Neptun wird freundlich schalten.

SIRENEN. Wir stehen euch nach:

Wenn ein Schiff zerbrach,

Unwiderstehbar an Kraft,

Schützt ihr die Mannschaft.

NEREIDEN UND TRITONEN.

Drei haben wir mitgenommen,

Der vierte wollte nicht kommen;

Er sagte, er sei der Rechte;

Der für sie alle dächte.

SIRENEN. Ein Gott den andern Gott

Macht wohl zu Spott.

Ehrt ihr alle Gnaden!

Fürchtet jeden Schaden!

NEREIDEN UND TRITONEN.

Sind eigentlich ihrer sieben!

SIRENEN. Wo sind die drei geblieben?

NEREIDEN UND TRITONEN. Wir wüßtens nicht zu sagen,

Sind im Olymp zu erfragen;

Dort west auch wohl der achte,

An den noch niemand dachte!

In Gnaden uns gewärtig,

Doch alle noch nicht fertig.

Diese Unvergleichlichen

Wollen immer weiter:

Sehnsuchtsvolle Hungerleider

Nach dem Unerreichlichen.

SIRENEN. Wir sind gewohnt,

Wo es auch thront,

In Sonn und Mond

Hinzubeten: es lohnt!

NEREIDEN UND TRITONEN.

Wie unser Ruhm zum höchsten prangt,

Dieses Fest anzuführen!

SIRENEN. Die Helden des Altertums

Ermangeln des Ruhms,

Wo und wie er auch prangt,

Wenn sie das Goldene Vlies erlangt,

Ihr die Kabiren.

Wiederholt als Allgesang.

Wenn sie das Goldene Vlies erlangt,

Wir [Ihr] die Kabiren!

Nereiden und Tritonen ziehen vorüber.

HOMUNKULUS. Die Ungestalten seh ich an

Als irden-schlechte Töpfe;

Nun stoßen sich die Weisen dran

Und brechen harte Köpfe.

THALES. Das ist es ja, was man begehrt:

Der Rost macht erst die Münze wert.

PROTEUS unbemerkt. So etwas freut mich alten Fabler!

Je wunderlicher, desto respektabler.

THALES. Wo bist du, Proteus?

PROTEUS bauchrednerisch, bald nah, bald fern. Hier! und hier!

THALES. Den alten Scherz verzeih ich dir;

Doch einem Freund nicht eitle Worte!

Ich weiß: du sprichst vom falschen Orte.

PROTEUS als aus der Ferne. Leb wohl!

THALES leise zu Homunculus.

Er ist ganz nah. Nun leuchte frisch!

Er ist neugierig wie ein Fisch,

Und wo er auch gestaltet stockt,

Durch Flammen wird er hergelockt.

HOMUNCULUS. Ergieß ich gleich des Lichtes Menge,

Bescheiden doch, daß ich das Glas nicht sprenge.

PROTEUS in Gestalt einer Riesenschildkröte.

Was leuchtet so anmutig-schön?

THALES den Homunculus verhüllend.

Gut! Wenn du Lust hast, kannst dus näher sehn.

Die kleine Mühe laß dich nicht verdrießen

Und zeige dich auf menschlich beiden Füßen!

Mit unsern Gunsten seis, mit unserm Willen,

Wer schauen will, was wir verhüllen.

PROTEUS edelgestaltet. Weltweise Kniffe sind dir noch bewußt.

THALES. Gestalt zu wechseln bleibt noch deine Lust.

Hat den Homunculus enthüllt.

PROTEUS erstaunt.

Ein leuchtend Zwerglein! Niemals noch gesehn!

THALES. Es fragt um Rat und möchte gern entstehn.

Er ist, wie ich von ihm vernommen,

Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen:

Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,

Doch gar zu sehr am Greiflich-Tüchtighaften.

Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht;

Doch wär er gern zunächst verkörperlicht.

PROTEUS. Du bist ein wahrer

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