Ungekürztes Werk "Faust 2" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 53)

lüstern bist!

CHORETIDE 6. Begierig du auf Leichen, ekle Leiche selbst!

PHORKYAS. Vampyrenzähne glänzen dir im frechen Maul.

CHORFÜHRERIN. Das deine stopf ich, wenn ich sage, wer du seist.

PHORKYAS. So nenne dich zuerst! das Rätsel hebt sich auf.

HELENA.

Nicht zürnend, aber traurend schreit ich zwischen euch,

Verbietend solchen Wechselstreites Ungestüm.

Denn Schädlicheres begegnet nichts dem Herrscherherrn

Als treuer Diener heimlich-unterschworner Zwist.

Das Echo seiner Befehle kehrt alsdann nicht mehr

In schnell vollbrachter Tat wohlstimmig ihm zurück,

Nein, eigenwillig brausend tost es um ihn her,

Den selbst Verirrten, ins Vergebne Scheltenden.

Dies nicht allein! Ihr habt in sittelosem Zorn

Unselger Bilder Schreckgestalten hergebannt,

Die mich umdrängen, daß ich selbst zum Orkus mich

Gerissen fühle, vaterländischer Flur zum Trutz.

Ists wohl Gedächtnis? war es Wahn, der mich ergreift?

War ich das alles? bin ichs? werd ichs künftig sein,

Das Traum- und Schreckbild jener Städteverwüstenden?

Die Mädchen schaudern; aber du, die Älteste,

Du stehst gelassen: rede mir verständig Wort!

PHORKYAS. Wer langer Jahre mannigfaltigen Glücks gedenkt,

Ihm scheint zuletzt die höchste Göttergunst ein Traum.

Du aber, hochbegünstigt, sonder Maß und Ziel,

In Lebensreihe sahst nur Liebesbrünstige,

Entzündet rasch zum kühnsten Wagstück jeder Art.

Schon Theseus haschte früh dich, gierig aufgeregt,

Wie Herakles stark, ein herrlich schön geformter Mann.

HELENA. Entführte mich, ein zehenjährig-schlankes Reh,

Und mich umschloß Aphidnus Burg in Attika.

PHORKYAS. Durch Castor und durch Pollux aber bald befreit,

Umworben standst du ausgesuchter Heldenschar.

HELENA. Doch stille Gunst vor allen, wie ich gern gesteh,

Gewann Patroklus, er, des Peliden Ebenbild.

PHORKYAS. Doch Vaterwille traute dich an Menelas,

Den kühnen Seedurchstreicher, Hausbewahrer auch.

HELENA. Die Tochter gab er, gab des Reichs Bestellung ihm.

Aus ehlichem Beisein sproßte dann Hermione.

PHORKYAS. Doch als er fern sich Kretas Erbe kühn erstritt,

Dir Einsamen da erschien ein allzu schöner Gast.

HELENA. Warum gedenkst du jener halben Witwenschaft,

Und welch Verderben gräßlich mir daraus erwuchs!

PHORKYAS. Auch jene Fahrt, mir freigebornen Kreterin

Gefangenschaft erschuf sie, lange Sklaverei.

HELENA. Als Schaffnerin bestellt er dich sogleich hieher,

Vertrauend vieles, Burg und kühn erworbnen Schatz.

PHORKYAS. Die du verließest, Ilios umtürmter Stadt

Und unerschöpften Liebesfreuden zugewandt!

HELENA. Gedenke nicht der Freuden! allzu herben Leids

Unendlichkeit ergoß sich über Brust und Haupt.

PHORKYAS.

Doch sagt man: du erschienst ein doppelhaft Gebild,

In Ilios gesehen und in Ägypten auch.

HELENA. Verwirre wüsten Sinnes Aberwitz nicht gar!

Selbst jetzo, welche denn ich sei, ich weiß es nicht.

PHORKYAS. Dann sagen sie: aus hohlem Schattenreich herauf

Gesellte sich inbrünstig noch Achill zu dir,

Dich früher liebend gegen allen Geschicks Beschluß!

HELENA. Ich als Idol ihm dem Idol verband ich mich.

Es war ein Traum, so sagen ja die Worte selbst.

Ich schwinde hin und werde selbst mir ein Idol.

Sinkt dem Halbchor in die Arme

CHOR. Schweige, schweige,

Mißblickende, Mißredende du!

Aus so gräßlichen, einzahnigen

Lippen, was enthaucht wohl

Solchem furchtbaren Greuelschlund!

Denn der Bösartige, wohltätig erscheinend,

Wolfesgrimm unter scharfwolligem Vlies,

Mir ist er weit schrecklicher als des drei-

köpfigen Hundes Rachen.

Ängstlich lauschend stehn wir da:

Wann, wie, wo nur brichts hervor,

Solcher Tücke

Tiefauflauerndes Ungetüm?

Nun denn statt freundlich mit Trost reichbegabten,

Letheschenkenden, hold-mildesten Worts

Regest du auf aller Vergangenheit

Bösestes mehr

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