Ungekürztes Werk "Faust 2" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 51)

Pflicht gedenkend, feierlich betrat,

Erstaunt ich ob der öden Gänge Schweigsamkeit.

Nicht Schall der emsig Wandelnden begegnete

Dem Ohr, nicht rasch-geschäftiges Eiligtun dem Blick,

Und keine Magd erschien mir, keine Schaffnerin,

Die jeden Fremden freundlich sonst Begrüßenden.

Als aber ich dem Schoße des Herdes mich genaht,

Da sah ich, bei verglommner Asche lauem Rest,

Am Boden sitzen welch verhülltes großes Weib,

Der Schlafenden nicht vergleichbar, wohl der Sinnenden.

Mit Herrscherworten ruf ich sie zur Arbeit auf,

Die Schaffnerin mir vermutend, die indes vielleicht

Des Gatten Vorsicht hinterlassend angestellt;

Doch eingefaltet sitzt die Unbewegliche.

Nur endlich rührt sie auf mein Dräun den rechten Arm,

Als wiese sie von Herd und Halle mich hinweg.

Ich wende zürnend mich ab von ihr und eile gleich

Den Stufen zu, worauf empor der Thalamos

Geschmückt sich hebt und nah daran das Schatzgemach;

Allein das Wunder reißt sich schnell vom Boden auf:

Gebietrisch mir den Weg vertretend, zeigt es sich

In hagrer Größe, hohlen, blutig-trüben Blicks,

Seltsamer Bildung, wie sie Aug und Geist verwirrt.

Doch red ich in die Lüfte; denn das Wort bemüht

Sich nur umsonst, Gestalten schöpferisch aufzubaun.

Da seht sie selbst! sie wagt sogar sich ans Licht hervor!

Hier sind wir Meister, bis der Herr und König kommt.

Die grausen Nachtgeburten drängt der Schönheitsfreund,

Phöbus, hinweg in Höhlen oder bändigt sie.

Phorkyas auf der Schwelle zwischen den Türpfosten auftretend.

CHOR. Vieles erlebt ich, obgleich die Locke

Jugendlich wallet mir um die Schläfe!

Schreckliches hab ich vieles gesehen:

Kriegrischen Jammer, Ilios Nacht,

Als es fiel.

Durch das umwölkte, staubende Tosen

Drängender Krieger hört ich die Götter

Fürchterlich rufen, hört ich der Zwietracht

Eherne Stimme schallen durchs Feld,

Mauerwärts.

Ach, sie standen noch, Ilios

Mauern; aber die Flammenglut

Zog vom Nachbar zum Nachbar schon,

Sich verbreitend von hier und dort

Mit des eignen Sturmes Wehn

Über die nächtliche Stadt hin.

Flüchtend sah ich durch Rauch und Glut

Und der züngelnden Flamme Loh'n

Gräßlich zürnender Götter Nahn,

Schreitend Wundergestalten,

Riesengroß, durch düsteren,

Feuerumleuchteten Qualm hin.

Sah ichs? oder bildete

Mir der angstumschlungene Geist

Solches Verworrene? Sagen kann

Nimmer ichs, doch daß ich dies

Gräßliche hier mit Augen schau,

Solches gewiß ja weiß ich;

Könnt es mit Händen fassen gar,

Hielte von dem Gefährlichen

Nicht zurücke die Furcht mich!

Welche von Phorkys

Töchtern nur bist du?

Denn ich vergleiche dich

Diesem Geschlechte.

Bist du vielleicht der graugeborenen,

Eines Auges und eines Zahns

Wechselweis teilhaftigen

Graien eine gekommen?

Wagest du Scheusal,

Neben der Schönheit

Dich vor dem Kennerblick

Phöbus zu zeigen?

Tritt du dennoch hervor nur immer!

Denn das Häßliche schaut Er nicht,

Wie sein heilig Auge noch

Nie erblickte den Schatten.

Doch uns Sterbliche nötigt, ach!

Leider trauriges Mißgeschick

Zu dem unsäglichen Augenschmerz,

Den das Verwerfliche, ewig Unselige

Schönheitliebenden rege macht.

Ja, so höre denn, wenn du frech

Uns entgegenest, höre Fluch,

Höre jeglicher Schelte Drohn

Aus dem verwünschenden Munde der Glücklichen,

Die von Göttern gebildet sind!

PHORKYAS.

Alt ist das Wort, doch bleibet hoch und wahr der Sinn:

Daß Scham und Schönheit nie zusammen, Hand in Hand,

Den

Seiten