Ungekürztes Werk "Faust 2" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 50)

will.

Bedenklich ist es; doch ich sorge weiter nicht,

Und alles bleibe hohen Göttern heimgestellt,

Die das vollenden, was in ihrem Sinn sie deucht,

Es möge gut von Menschen oder möge bös

Geachtet sein; die Sterblichen, wir, ertragen das.

Schon manchmal hob das schwere Beil der Opfernde

Zu des erdgebeugten Tieres Nacken weihend auf

Und konnt es nicht vollbringen; denn ihn hinderte

Des nahen Feindes oder Gottes Zwischenkunft.

CHOR. Was geschehen werde, sinnst du nicht aus!

Königin, schreite dahin

Guten Muts!

Gutes und Böses kommt

Unerwartet dem Menschen;

Auch verkündet, glauben wirs nicht.

Brannte doch Troja, sahen wir doch

Tod vor Augen, schmählichen Tod,

Und sind wir nicht hier

Dir gesellt, dienstbar-freudig,

Schauen des Himmels blendende Sonne

Und das Schönste der Erde,

Huldvoll, dich, uns Glücklichen?

HELENA. Seis, wie es sei! Was auch bevorsteht, mir geziemt,

Hinaufzusteigen ungesäumt in das Königshaus,

Das, lange entbehrt und viel ersehnt und fast verscherzt,

Mir abermals vor Augen steht, ich weiß nicht wie.

Die Füße tragen mich so mutig nicht empor

Die hohen Stufen, die ich kindisch übersprang.

CHOR. Werfet, o Schwestern, ihr

Traurig gefangenen,

Alle Schmerzen ins Weite!

Teilet der Herrin Glück,

Teilet Helenens Glück,

Welche zu Vaterhauses Herd,

Zwar mit spät zurückkehrendem,

Aber mit desto festerem

Fuße freudig herannaht!

Preiset die heiligen,

Glücklich herstellenden

Und heimführenden Götter!

Schwebt der Entbundene

Doch wie auf Fittichen

Über das Rauhste, wenn umsonst

Der Gefangene sehnsuchtsvoll

Über die Zinne des Kerkers hin

Armausbreitend sich abhärmt.

Aber sie ergriff ein Gott,

Die Entfernte,

Und aus Ilios Schutt

Trug er hierher sie zurück

In das alte, das neugeschmückte

Vaterhaus,

Nach unsäglichen

Freuden und Qualen

Früher Jugendzeit

Angefrischt zu gedenken.

PANTHALIS als Chorführerin.

Verlasset nun des Gesanges freudumgebnen Pfad

Und wendet nach der Türe Flügeln euren Blick!

Was seh ich, Schwestern? Kehret nicht die Königin

Mit heftigen Schrittes Regung wieder zu uns her?

Was ist es, große Königin? was konnte dir

In deines Hauses Hallen, statt der Deinen Gruß,

Erschütterndes begegnen? Du verbirgst es nicht;

Denn Widerwillen seh ich an der Stirne dir,

Ein edles Zürnen, das mit Überraschung kämpft.

HELENA, welche die Türflügel offen gelassen hat, bewegt.

Der Tochter Zeus geziemet nicht gemeine Furcht,

Und flüchtig-leise Schreckenshand berührt sie nicht;

Doch das Entsetzen, das, dem Schoß der alten Nacht

Vom Urbeginn entsteigend, vielgestaltet noch

Wie glühende Wolken aus des Berges Feuerschlund

Herauf sich wälzt, erschüttert auch des Helden Brust.

So haben heute grauenvoll die Stygischen

Ins Haus den Eintritt mir bezeichnet, daß ich gern

Von oftbetretner, langersehnter Schwelle mich,

Entlaßnem Gaste gleich, entfernend scheiden mag.

Doch nein! gewichen bin ich her ans Licht, und sollt

Ihr weiter nicht mich treiben, Mächte, wer ihr seid!

Auf Weihe will ich sinnen; dann gereinigt mag

Des Herdes Glut die Frau begrüßen wie den Herrn.

CHORFÜHRERIN. Entdecke deinen Dienerinnen, edle Frau,

Die dir verehrend beistehn, was begegnet ist!

HELENA. Was ich gesehen, sollt ihr selbst mit Augen sehn,

Wenn ihr Gebilde nicht die alte Nacht sogleich

Zurückgeschlungen in ihrer Tiefe Wunderschoß.

Doch daß ihrs wisset, sag ichs euch mit Worten an:

Als ich des Königshauses ernsten Binnenraum,

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