Ungekürztes Werk "Faust 2" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 49)

viel geschehen, was die Menschen weit und breit

So gern erzählen, aber der nicht gerne hört,

Von dem die Sage wachsend sich zum Märchen spann.

CHOR. Verschmähe nicht, o herrliche Frau,

Des höchsten Gutes Ehrenbesitz!

Denn das größte Glück ist dir einzig beschert:

Der Schönheit Ruhm, der vor allen sich hebt.

Dem Helden tönt sein Name voran,

Drum schreitet er stolz;

Doch beugt sogleich hartnäckigster Mann

Vor der allbezwingenden Schöne den Sinn.

HELENA. Genug! mit meinem Gatten bin ich hergeschifft

Und nun von ihm zu seiner Stadt vorausgesandt;

Doch welchen Sinn er hegen mag, errat ich nicht.

Komm ich als Gattin? komm ich eine Königin?

Komm ich ein Opfer für des Fürsten bittern Schmerz

Und für der Griechen langerduldetes Mißgeschick?

Erobert bin ich; ob gefangen, weiß ich nicht!

Denn Ruf und Schicksal bestimmen fürwahr die Unsterblichen

Zweideutig mir, der Schöngestalt bedenkliche

Begleiter, die an dieser Schwelle mir sogar

Mit düster drohender Gegenwart zur Seite stehn.

Denn schon im hohlen Schiffe blickte mich der Gemahl

Nur selten an, auch sprach er kein erquicklich Wort.

Als wenn er Unheil sänne, saß er gegen mir.

Nun aber, als, des Eurotas tiefem Buchtgestad

Hinangefahren, der vordern Schiffe Schnäbel kaum

Das Land begrüßten, sprach er, wie vom Gott bewegt:

»Hier steigen meine Krieger nach der Ordnung aus;

Ich mustre sie, am Strand des Meeres hingereiht.

Du aber ziehe weiter, ziehe des heiligen

Eurotas fruchtbegabtem Ufer immer auf,

Die Rosse lenkend auf der feuchten Wiese Schmuck,

Bis daß zur schönen Ebene du gelangen magst,

Wo Lakedämon, einst ein fruchtbar-weites Feld,

Von ernsten Bergen nah umgeben, angebaut.

Betrete dann das hochgetürmte Fürstenhaus

Und mustere mir die Mägde, die ich dort zurück

Gelassen, samt der klugen, alten Schaffnerin!

Die zeige dir der Schätze reiche Sammlung vor,

Wie sie dein Vater hinterließ und die ich selbst

In Krieg und Frieden, stets vermehrend, aufgehäuft.

Du findest alles nach der Ordnung stehen: denn

Das ist des Fürsten Vorrecht, daß er alles treu

In seinem Hause, wiederkehrend, finde, noch

An seinem Platze jedes, wie ers dort verließ;

Denn nichts zu ändern hat für sich der Knecht Gewalt.«

CHOR. Erquicke nun am herrlichen Schatz,

Dem stets vermehrten, Augen und Brust!

Denn der Kette Zier, der Krone Geschmuck,

Da ruhn sie stolz, und sie dünken sich was.

Doch tritt nur ein und fordre sie auf:

Sie rüsten sich schnell!

Mich freuet zu sehn Schönheit in dem Kampf

Gegen Gold und Perlen und Edelgestein.

HELENA.

Sodann erfolgte des Herren ferneres Herrscherwort:

»Wenn du nun alles nach der Ordnung durchgesehn,

Dann nimm so manchen Dreifuß, als du nötig glaubst,

Und mancherlei Gefäße, die der Opfrer sich

Zur Hand verlangt, vollziehend heiligen Festgebrauch,

Die Kessel, auch die Schalen, wie das flache Rund!

Das reinste Wasser aus der heiligen Quelle sei

In hohen Krügen! ferner auch das trockne Holz,

Der Flammen schnell empfänglich, halte da bereit!

Ein wohlgeschliffnes Messer fehle nicht zuletzt;

Doch alles andre geb ich deiner Sorge hin.«

So sprach er, mich zum Scheiden drängend; aber nichts

Lebendigen Atems zeichnet mir der Ordnende,

Das er, die Olympier zu verehren, schlachten

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