Ungekürztes Werk "Faust 2" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 54)

denn Gutes

Und verdüsterst allzugleich

Mit dem Glanz der Gegenwart

Auch der Zukunft

Mild aufschimmerndes Hoffnungslicht.

Schweige! schweige!

Daß der Königin Seele,

Schon zu entfliehen bereit,

Sich noch halte, festhalte

Die Gestalt aller Gestalten,

Welche die Sonne jemals beschien.

Helena hat sich erholt und steht wieder in der Mitte.

PHORKYAS.

Tritt hervor aus flüchtigen Wolken, hohe Sonne dieses Tags,

Die verschleiert schon entzückte, blendend nun im Glanze herrscht!

Wie die Welt sich dir entfaltet, schaust du selbst mit holdem Blick.

Schelten sie mich auch für häßlich, kenn ich doch das Schöne wohl.

HELENA.

Tret ich schwankend aus der Öde, die im Schwindel mich umgab,

Pflegt ich gern der Ruhe wieder, denn so müd ist mein Gebein;

Doch es ziemet Königinnen, allen Menschen ziemt es wohl,

Sich zu fassen, zu ermannen, was auch drohend überrascht.

PHORKYAS.

Stehst du nun in deiner Großheit, deiner Schöne vor uns da,

Sagt dein Blick, daß du befiehlest! Was befiehlst du? sprich es aus!

HELENA.

Eures Haders frech Versäumnis auszugleichen, seid bereit!

Eilt, ein Opfer zu bestellen, wie der König mir gebot!

PHORKYAS.

Alles ist bereit im Hause: Schale, Dreifuß,scharfes Beil,

Zum Besprengen, zum Beräuchern! das zu Opfernde zeig an!

HELENA. Nicht bezeichnet es der König.

PHORKYAS.                                            Sprachs nicht aus? O Jammerwort!

HELENA. Welch ein Jammer überfällt dich?

PHORKYAS.                                                 Königin, du bist gemeint!

HELENA. Ich?

PHORKYAS. Und diese!

CHOR.                              Weh und Jammer!

PHORKYAS.                                                  Fallen wirst du durch das Beil!

HELENA. Gräßlich! doch geahnt! Ich Arme!

PHORKYAS.                                                 Unvermeidlich scheint es mir.

CHOR. Ach! und uns? was wird begegnen?

PHORKYAS.                                               Sie stirbt einen edlen Tod;

Doch am hohen Balken drinnen, der des Daches Giebel trägt,

Wie im Vogelfang die Drosseln zappelt ihr der Reihe nach.

Helena und Chor stehen erstaunt und erschreckt,

in bedeutender, wohl vorbereiteter Gruppe.

PHORKYAS.

Gespenster! – Gleich erstarrten Bildern steht ihr da,

Geschreckt, vom Tag zu scheiden, der euch nicht gehört.

Die Menschen, die Gespenster sämtlich gleich wie ihr,

Entsagen auch nicht willig hehrem Sonnenschein;

Doch bittet oder rettet niemand sie vom Schluß:

Sie wissens alle, wenigen doch gefällt es nur.

Genug, ihr seid verloren! Also frisch ans Werk!

Klatscht in die Hände; darauf erscheinen an der Pforte

vermummte Zwerggestalten, welche die ausgesprochenen Befehle

alsobald mit Behendigkeit ausführen.

Herbei, du düstres, kugelrundes Ungetüm!

Wälzt euch hieher: zu schaden gibt es hier nach Lust!

Dem Tragaltar, dem goldgehörnten, gebet Platz!

Das Beil, es liege blinkend über dem Silberrand!

Die Wasserkrüge füllet: abzuwaschen gibts

Des schwarzen Blutes greuelvolle Besudelung!

Den Teppich breitet köstlich hier am Staube hin,

Damit das Opfer niederkniee königlich

Und, eingewickelt, zwar getrennten Haupts, sogleich,

Anständig-würdig aber doch, bestattet sei!

CHORFÜHRERIN.

Die Königin stehet sinnend an der Seite hier,

Die Mädchen welken gleich gemähtem Wiesengras;

Mir aber deucht, der Altesten, heiliger Pflicht gemäß,

Mit dir das Wort zu wechseln, Ururälteste.

Du bist erfahren, weise, scheinst uns gut gesinnt,

Obschon verkennend hirnlos diese Schar dich traf.

Drum sage, was du möglich noch von Rettung weißt!

PHORKYAS.

Ist leicht gesagt! Von der Königin hängt allein es ab,

Sich selbst zu erhalten, euch Zugaben auch mit ihr.

Entschlossenheit ist nötig und die behendeste.

CHOR. Ehrenwürdigste der Parzen, weiseste Sibylle du,

Halte

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