Ungekürztes Werk "Faust 2" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 56)

strebt empor,

So starr, so wohl in Fugen, spiegelglatt wie Stahl!

Zu klettern hier – ja selbst der Gedanke gleitet ab!

Und innen großer Höfe Raumgelasse, rings

Mit Baulichkeit umgeben aller Art und Zweck.

Da seht ihr Säulen, Bogen, Bögelchen,

Altane, Galerien, zu schauen aus und ein,

Und Wappen.

CHOR.            Was sind Wappen?

PHORKYAS.                                    Ajax führte ja

Geschlungne Schlang im Schilde, wie ihr selbst gesehn.

Die Sieben dort vor Theben trugen Bildnerein

Ein jeder auf seinem Schilde, reich-bedeutungsvoll.

Da sah man Mond und Stern am nächtigen Himmelsraum,

Auch Göttin, Held und Leiter, Schwerter, Fackeln auch,

Und was Bedrängliches guten Städten grimmig droht.

Ein solch Gebilde führt auch unsre Heldenschar

Von seinen Ururahnen her in Farbenglanz.

Da seht ihr Löwen, Adler, Klau und Schnabel auch,

Dann Büffelhörner, Flügel, Rosen, Pfauenschweif,

Auch Streifen, gold und schwarz und silbern, blau und rot.

Dergleichen hängt in Sälen Reih an Reihe fort,

In Sälen, grenzenlosen, wie die Welt so weit:

Da könnt ihr tanzen!

CHOR.                      Sage: gibts auch Tänzer da?

PHORKYAS. Die besten! Goldgelockte, frische Bubenschar!

Die duften Jugend! Paris duftete einzig so,

Als er der Königin zu nahe kam.

HELENA.                                     Du fällst

Ganz aus der Rolle; sage mir das letzte Wort!

PHORKYAS.

Du sprichst das letzte, sagst mit Ernst vernehmlich Ja!

Sogleich umgeb ich dich mit jener Burg!

CHOR.                                                     O sprich!

Das kurze Wort und rette dich und uns zugleich!

HELENA. Wie? sollt ich fürchten, daß der König Menelas

So grausam sich verginge, mich zu schädigen?

PHORKYAS. Hast du vergessen, wie er deinen Deiphobus,

Des totgekämpften Paris Bruder, unerhört

Verstümmelte, der starrsinnig Witwe dich erstritt

Und glücklich kebste? Nas und Ohren schnitt er ab

Und stümmelte mehr so: Greuel war es anzuschaun.

HELENA. Das tat er jenem, meinetwegen tat er das.

PHORKYAS. Um jenes willen wird er dir das gleiche tun!

Unteilbar ist die Schönheit; der sie ganz besaß,

Zerstört sie lieber, fluchend jedem Teilbesitz.

Trompeten in der Ferne; der Chor fährt zusammen.

Wie scharf der Trompete Schmettern Ohr und Eingeweid

Zerreißend anfaßt, also krallt sich Eifersucht

Im Busen fest des Mannes, der das nie vergißt,

Was einst er besaß und nun verlor, nicht mehr besitzt.

CHOR.

Hörst du nicht die Hörner schallen? siehst der Waffen Blitze nicht?

PHORKYAS.

Sei willkommen, Herr und König! gerne geb ich Rechenschaft.

CHOR. Aber wir?

PHORKYAS. Ihr wißt es deutlich: seht vor Augen ihren Tod,

Merkt den eurigen dadrinne! nein, zu helfen ist euch nicht.

Pause.

HELENA. Ich sann mir aus das Nächste, was ich wagen darf.

Ein Widerdämon bist du, das empfind ich wohl,

Und fürchte, Gutes wendest du zum Bösen um.

Vor allem aber folgen will ich dir zur Burg;

Das andre weiß ich; was die Königin dabei

In tiefem Busen geheimnisvoll verbergen mag,

Sei jedem unzugänglich! – Alte, geh voran!

CHOR.

O wie gern gehen wir hin,

Eilenden Fußes!

Hinter uns Tod,

Vor uns abermals

Ragender Feste

Unzugängliche Mauer!

Schütze sie eben so gut,

Eben wie Ilios Burg,

Die doch endlich nur

Niederträchtiger List erlag!

Nebel verbreiten sich, umhüllen den Hintergrund,

auch die Nähe, nach Belieben.

Wie? aber wie?

Schwestern, schaut euch um!

War es nicht heiterer Tag?

Nebel schwanken streifig

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