Ungekürztes Werk "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 43)
aus der Welt gehn, und Karl, sein trefflicher Nachfolger, majestätischere Gesinnungen verspricht.
WEISLINGEN: Karl? Er ist noch weder gewählt noch gekrönt.
ADELHEID: Wer wünscht und hofft es nicht?
WEISLINGEN: Du hast einen großen Begriff von seinen Eigenschaften; fast sollte man denken, du sähest sie mit andern Augen.
ADELHEID: Du beleidigst mich, Weislingen. Kennst du mich für das?
WEISLINGEN: Ich sagte nichts, dich zu beleidigen. Aber schweigen kann ich nicht dazu. Karls ungewöhnliche Aufmerksamkeit für dich beunruhigt mich.
ADELHEID: Und mein Betragen?
WEISLINGEN: Du bist ein Weib. Ihr haßt keinen, der euch hofiert.
ADELHEID: Aber ihr?
WEISLINGEN: Er frißt mir am Herzen, der fürchterliche Gedanke! Adelheid!
ADELHEID: Kann ich deine Torheit kurieren?
WEISLINGEN: Wenn du wolltest! Du könntest dich vom Hof entfernen.
ADELHEID: Sage Mittel und Art. Bist du nicht bei Hofe? Soll ich dich lassen und meine Freunde, um auf meinem Schloß mich mit den Uhus zu unterhalten? Nein, Weislingen, daraus wird nichts. Beruhige dich, du weißt, wie ich dich liebe.
WEISLINGEN: Der heilige Anker in diesem Sturm, solang der Strick nicht reißt. Ab.
ADELHEID: Fängst du's so an! Das fehlte noch. Die Unternehmungen meines Busens sind zu groß, als daß du ihnen im Wege stehen solltest. Karl! Großer, trefflicher Mann, und Kaiser dereinst! und sollte er der einzige sein unter den Männern, dem der Besitz meiner Gunst nicht schmeichelte? Weislingen, denke nicht mich zu hindern, sonst mußt du in den Boden, mein Weg geht über dich hin.
Franz kommt mit einem Brief.
FRANZ: Hier, gnädige Frau.
ADELHEID: Gab dir Karl ihn selbst?
FRANZ: Ja.
ADELHEID: Was hast du? Du siehst so kummervoll.
FRANZ: Es ist Euer Wille, daß ich mich totschmachten soll; in den Jahren der Hoffnung macht Ihr mich verzweifeln.
ADELHEID: Er dauert mich – und wie wenig kostet's mich, ihn glücklich zu machen! Sei gutes Muts, Junge! Ich fühle deine Lieb und Treu und werde nie unerkenntlich sein.
FRANZ beklemmt: Wenn Ihr das fähig wärt, ich mußte vergehn. Mein Gott, ich habe keinen Blutstropfen in mir, der nicht Euer wäre, keinen Sinn, als Euch zu lieben und zu tun, was Euch gefällt!
ADELHEID: Lieber Junge!
FRANZ: Ihr schmeichelt mir. In Tränen ausbrechend: Wenn diese Ergebenheit nichts mehr verdient, als andere sich vorgezogen zu sehn, als Eure Gedanken alle nach dem Karl gerichtet zu sehn –
ADELHEID: Du weißt nicht, was du willst, noch weniger, was du redst.
FRANZ vor Verdruß und Zorn mit dem Fuß stampfend: Ich will auch nicht mehr. Will nicht mehr den Unterhändler abgeben.
ADELHEID: Franz! Du vergißt dich.
FRANZ: Mich aufzuopfern! Meinen lieben Herrn!
ADELHEID: Geh mir aus dem Gesicht!
FRANZ: Gnädige Frau!
ADELHEID: Geh, entdecke deinem lieben Herrn mein Geheimnis. Ich war die Närrin, dich für was zu halten, das du nicht bist.
FRANZ: Liebe gnädige Frau, Ihr wißt, daß ich Euch liebe.
ADELHEID: Und du warst mein Freund, meinem Herzen so nahe. Geh, verrat mich!
FRANZ: Eher wollt ich mir das Herz aus dem Leibe reißen! Verzeiht mir, gnädige Frau. Mein Herz ist zu voll, meine Sinnen halten's nicht aus.
ADELHEID: Lieber warmer Junge!
Faßt ihn bei den Händen, zieht ihn zu sich, und ihre Küsse begegnen einander; a fällt ihr weinend um den Hals.
ADELHEID: Laß mich!
FRANZ erstickend in Tränen an ihrem Hals: Gott! Gott!
ADELHEID: Laß