Ungekürztes Werk "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 41)

sind sie hinter der Weinhöhe hervorgedrungen und drohen unsern Mauern.

RATSHERR: Weh uns! Was ist das?

Wache kommt.

WACHE: Franz von Sickingen hält vor dem Schlag und läßt euch sagen: er habe gehört, wie unwürdig man an seinem Schwager bundbrüchig geworden sei, wie die Herrn von Heilbronn allen Vorschub täten. Er verlange Rechenschaft, sonst wolle er binnen einer Stunde die Stadt an vier Ecken anzünden und sie der Plünderung preisgeben.

GÖTZ: Braver Schwager!

RAT: Tretet, ab, Götz! – Was ist zu tun?

RATSHERR: Habt Mitleiden mit uns und unserer Bürgerschaft! Sickingen ist unbändig in seinem Zorn, er ist Mann, es zu halten.

RAT: Sollen wir uns und dem Kaiser die Gerechtsame vergeben?

HAUPTMANN: Wenn wir nur Leute hätten, sie zu behaupten. So aber könnten wir umkommen, und die Sache wäre nur desto schlimmer. Wir gewinnen im Nachgeben.

RATSHERR: Wir wollen Götzen ansprechen, für uns ein gut Wort einzulegen. Mir ist's, als wenn ich die Stadt schon in Flammen sähe.

RAT: Laßt Götzen herein.

GÖTZ: Was soll's?

RAT: Du würdest wohl tun, deinen Schwager von seinem rebellischen Vorhaben abzumahnen. Anstatt dich vom Verderben zu retten, stürzt er dich tiefer hinein, indem er sich zu deinem Falle gesellt.

Götz sieht Elisabeth an der Tür, heimlich zu ihr: Geh hin! Sag ihm: er soll unverzüglich hereinbrechen, soll hieher kommen, nur der Stadt kein Leids tun. Wenn sich die Schurken hier widersetzen, soll er Gewalt brauchen. Es liegt mir nichts dran umzukommen, wenn sie nur alle mit erstochen werden.

Ein großer Saal auf dem Rathaus

Sickingen. Götz.

Das ganze Rathaus ist mit Sickingens Reitern besetzt.

GÖTZ: Das war Hülfe vom Himmel! Wie kommst du so erwünscht und unvermutet, Schwager?

SICKINGEN: Ohne Zauberei. Ich hatte zwei, drei Boten ausgeschickt, zu hören, wie dir's ginge. Auf die Nachricht von ihrem Meineid macht ich mich auf den Weg. Nun haben wir sie.

GÖTZ: Ich verlange nichts als ritterliche Haft.

SICKINGEN: Du bist zu ehrlich. Dich nicht einmal des Vorteils zu bedienen, den der Rechtschaffene über den Meineidigen hat! Sie sitzen im Unrecht, wir wollen ihnen keine Kissen unterlegen. Sie haben die Befehle des Kaisers schändlich mißbraucht. Und wie ich Ihro Majestät kenne, darfst du sicher auf mehr dringen. Es ist zu wenig.

GÖTZ: Ich bin von jeher mit wenigem zufrieden gewesen.

SICKINGEN: Und bist von jeher zu kurz gekommen. Meine Meinung ist: sie sollen deine Knechte aus dem Gefängnis und dich zusamt ihnen auf deinen Eid nach deiner Burg ziehen lassen. Du magst versprechen, nicht aus deiner Terminei zu gehen, und wirst immer besser sein als hier.

GÖTZ: Sie werden sagen, meine Güter seien dem Kaiser heimgefallen.

SICKINGEN: So sagen wir, du wolltest zur Miete drin wohnen, bis sie dir der Kaiser wieder zu Lehn gäbe. Laß sie sich wenden wie Aale in der Reuse, sie sollen uns nicht entschlüpfen. Sie werden von Kaiserlicher Majestät reden, von ihrem Auftrag. Das kann uns einerlei sein. Ich kenne den Kaiser auch und gelte was bei ihm. Er hat immer gewünscht, dich unter seinem Heer zu haben. Du wirst nicht lang auf deinem Schlosse sitzen, so wirst du aufgerufen werden.

GÖTZ: Wollte Gott, bald, eh ich 's Fechten verlerne.

SICKINGEN: Der Mut

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