Ungekürztes Werk "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 39)
Ab.
Rathaus
Kaiserliche Räte. Hauptmann. Ratsherren von Heilbronn.
RATSHERR: Wir haben auf Euern Befehl die stärksten und tapfersten Bürger versammelt; sie warten hier in der Nähe auf Euern Wink, um sich Berlichingens zu bemeistern.
ERSTER RAT: Wir werden Ihro Kaiserlichen Majestät Eure Bereitwilligkeit, Ihrem höchsten Befehl zu gehorchen, mit vielem Vergnügen zu rühmen wissen. – Es sind Handwerker?
RATSHERR: Schmiede, Weinschröter, Zimmerleute, Männer mit geübten Fäusten und hier wohl beschlagen. Auf die Brust deutend.
RAT: Wohl.
Gerichtsdiener kommt.
GERICHTSDIENER: Götz von Berlichingen wartet vor der Tür.
RAT: Laßt ihn herein.
Götz kommt.
GÖTZ: Gott grüß euch, ihr Herrn, was wollt ihr mit mir?
RAT: Zuerst, daß Ihr bedenkt, wo Ihr seid und vor wem.
GÖTZ: Bei meinem Eid, ich verkenn euch nicht, meine Herrn.
RAT: Ihr tut Eure Schuldigkeit.
GÖTZ: Von ganzem Herzen.
RAT: Setzt Euch.
GÖTZ: Da unten hin? Ich kann stehn. Das Stühlchen riecht so nach Armensündern, wie überhaupt die ganze Stube.
RAT: So steht!
GÖTZ: Zur Sache, wenn's gefällig ist.
RAT: Wir werden in der Ordnung verfahren.
GÖTZ: Bin's wohl zufrieden, wollt, es wär von jeher geschehen.
RAT: Ihr wißt, wie Ihr auf Gnad und Ungnad in unsere Hände kamt.
GÖTZ: Was gebt Ihr mir, wenn ich's vergesse?
RAT: Wenn ich Euch Bescheidenheit geben könnte, würd ich Eure Sache gutmachen.
GÖTZ: Gutmachen! Wenn Ihr das könntet! Dazu gehört freilich mehr als zum Verderben.
SCHREIBER: Soll ich das alles protokollieren?
RAT: Was zur Handlung gehört.
GÖTZ: Meinetwegen dürft Ihr's drucken lassen.
RAT: Ihr wart in der Gewalt des Kaisers, dessen väterliche Gnade an den Platz der majestätischen Gerechtigkeit trat, Euch anstatt eines Kerkers Heilbronn, eine seiner geliebten Städte, zum Aufenthalt anwies. Ihr verspracht mit einem Eid, Euch, wie es einem Ritter geziemt, zu stellen und das Weitere demütig zu erwarten.
GÖTZ: Wohl, und ich bin hier und warte.
RAT: Und wir sind hier, Euch Ihro Kaiserlichen Majestät Gnade und Huld zu verkündigen. Sie verzeiht Euch Eure Übertretungen, spricht Euch von der Acht und aller wohlverdienten Strafe los, welches Ihr mit untertänigem Dank erkennen und dagegen die Urfehde abschwören werdet, welche Euch hiermit vorgelesen werden soll.
GÖTZ: Ich bin Ihro Majestät treuer Knecht wie immer. Noch ein Wort, eh Ihr weitergeht: Meine Leute, wo sind die? Was soll mit ihnen werden?
RAT: Das geht Euch nichts an.
GÖTZ: So wende der Kaiser sein Angesicht von euch, wenn ihr in Not steckt! Sie waren meine Gesellen und sind's. Wo habt ihr sie hingebracht?
RAT: Wir sind Euch davon keine Rechnung schuldig.
GÖTZ: Ah! Ich dachte nicht, daß ihr nicht einmal zu dem verbunden seid, was ihr versprecht, geschweige –
RAT: Unsere Kommission ist, Euch die Urfehde vorzulegen. Unterwerft Euch dem Kaiser, und Ihr werdet einen Weg finden, um Eurer Gesellen Leben und Freiheit zu flehen.
GÖTZ: Euern Zettel.
RAT: Schreiber, leset!
SCHREIBER: “Ich, Götz von Berlichingen, bekenne öffentlich durch diesen Brief: Daß, da ich mich neulich gegen Kaiser und Reich rebellischerweise aufgelehnt –”
GÖTZ: Das ist nicht wahr. Ich bin kein Rebell, habe gegen Ihro Kaiserliche Majestät nichts verbrochen, und das Reich geht mich nichts an.
RAT: Mäßigt Euch und hört weiter!
GÖTZ: Ich will nichts weiter hören. Tret einer auf und zeuge! Hab ich wider den Kaiser, wider das Haus Österreich nur einen Schritt getan? Hab ich nicht