Ungekürztes Werk "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 38)
der Kaiser hat uns eingesperrt – und unsere Haut davonzubringen, setzen wir unsere Haut dran?
GÖTZ: Sei gutes Muts.
Lerse kommt.
LERSE: Freiheit! Freiheit! Das sind schlechte Menschen, unschlüssige, bedächtige Esel. Ihr sollt abziehen, mit Gewehr, Pferden und Rüstung. Proviant sollt Ihr dahinten lassen.
GÖTZ: Sie werden sich kein Zahnweh dran kauen.
LERSE heimlich: Habt Ihr das Silber versteckt?
GÖTZ: Nein! Frau, geh mit Franzen, er hat dir was zu sagen.
Alle ab.
Schloßhof
GEORG im Stall, singt:
Es fing ein Knab ein Vögelein.
Hm! Hm!
Da lacht' er in den Käfig 'nein,
Hm! Hm!
So! So!
Hm! Hm!
Der freut' sich traun so läppisch,
Hm! Hm!
Und griff hinein so täppisch,
Hm! Hm!
So! So!
Hm! Hm!
Da flog das Meislein auf ein Haus,
Hm! Hm!
Und lacht' den dummen Buben aus.
Hm! Hm!
So! So!
Hm! Hm!
GÖTZ: Wie steht's?
GEORG führt sein Pferd heraus: Sie sind gesattelt.
GÖTZ: Du bist fix.
GEORG: Wie der Vogel aus dem Käfig.
Alle die Belagerten.
GÖTZ: Ihr habt eure Büchsen? Nicht doch! Geht hinauf und nehmt die besten aus dem Rüstschrank, es geht in einem hin. Wir wollen vorausreiten.
GEORG: Hm! Hm!
So! So!
Hm! Hm! Ab.
Saal
Zwei Knechte am Rüstschrank.
ERSTER KNECHT: Ich nehm die.
ZWEITER KNECHT: Ich die. Da ist noch eine schönere.
ERSTER KNECHT: Nicht doch! Mach, daß du fortkommst.
ZWEITER KNECHT: Horch!
ERSTER KNECHT springt ans Fenster: Hilf, heiliger Gott! sie ermorden unsern Herrn. Er liegt vom Pferd! Georg stürzt!
ZWEITER KNECHT: Wo retten wir uns! An der Mauer den Nußbaum hinunter ins Feld. Ab.
ERSTER KNECHT: Franz hält sich noch, ich will zu ihm. Wenn sie sterben, mag ich nicht leben. Ab.
VIERTER AKT
Wirtshaus zu Heilbronn
Götz.
GÖTZ: Ich komme mir vor wie der böse Geist, den der Kapuziner in einen Sack beschwur. Ich arbeite mich ab und fruchte mir nichts. Die Meineidigen!
Elisabeth kommt.
GÖTZ: Was für Nachrichten, Elisabeth, von meinen lieben Getreuen?
ELISABETH: Nichts Gewisses. Einige sind erstochen, einige liegen im Turn. Es konnte oder wollte niemand mir sie näher bezeichnen.
GÖTZ: Ist das Belohnung der Treue? des kindlichen Gehorsams? – Auf daß dir's wohl gehe und du lange lebest auf Erden!
ELISABETH: Lieber Mann, schilt unsern himmlischen Vater nicht. Sie haben ihren Lohn, er ward mit ihnen geboren, ein freies, edles Herz. Laß sie gefangen sein, sie sind frei! Gib auf die deputierten Räte acht, die großen goldnen Ketten stehen ihnen zu Gesicht –
GÖTZ: Wie dem Schwein das Halsband. Ich möchte Georgen und Franzen geschlossen sehn!
ELISABETH: Es wäre ein Anblick, um Engel weinen zu machen.
GÖTZ: Ich wollt nicht weinen. Ich wollte die Zähne zusammenbeißen und an meinem Grimm kauen. In Ketten meine Augäpfel! Ihr lieben Jungen, hättet ihr mich nicht geliebt! – Ich würde mich nicht satt an ihnen sehen können. – Im Namen des Kaisers ihr Wort nicht zu halten!
ELISABETH: Entschlagt Euch dieser Gedanken. Bedenkt, daß Ihr vor den Räten erscheinen sollt. Ihr seid nicht gestellt, ihnen wohl zu begegnen, und ich fürchte alles.
GÖTZ: Was wollen sie mir anhaben?
ELISABETH: Der Gerichtsbote!
GÖTZ: Esel der Gerechtigkeit! Schleppt ihre Säcke zur Mühle und ihren Kehrig aufs Feld. Was gibt's?
Gerichtsdiener kommt.
GERICHTSDIENER: Die Herren Kommissarii sind auf dem Rathause versammelt und schicken nach Euch.
GÖTZ: Ich komme.
GERICHTSDIENER: Ich werde Euch begleiten.
GÖTZ: Viel Ehre.
ELISABETH: Mäßigt Euch.
GÖTZ: Sei außer Sorgen.