Ungekürztes Werk "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 36)
gnädige Frau.
GÖTZ: Was gibt's?
KNECHT: Die Kugeln sind alle, wir wollen neue gießen.
GÖTZ: Wie steht's Pulver?
KNECHT: So ziemlich. Wir sparen unsere Schüsse wohl aus.
Saal
Lerse mit einer Kugelform. Knecht mit Kohlen.
LERSE: Stell sie daher, und seht, wo ihr im Hause Blei kriegt. Inzwischen will ich hier zugreifen. Hebt ein Fenster aus und schlägt die Scheiben ein. Alle Vorteile gelten. – So geht's in der Welt, weiß kein Mensch, was aus den Dingen werden kann. Der Glaser, der die Scheiben faßte, dachte gewiß nicht, daß das Blei einem seiner Urenkel garstiges Kopfweh machen könnte! Und da mich mein Vater zeugte, dachte er nicht, welcher Vogel unter dem Himmel, welcher Wurm auf der Erde mich fressen möchte.
Georg kommt mit einer Dachrinne.
GEORG: Da hast du Blei. Wenn du nur mit der Hälfte triffst, so entgeht keiner, der Ihro Majestät ansagen kann: Herr, wir haben schlecht bestanden.
LERSE haut davon: Ein brav Stück!
GEORG: Der Regen mag sich einen andern Weg suchen! Ich bin nicht bang davor; ein braver Reiter und ein rechter Regen kommen überall durch.
LERSE. Er gießt: Halt den Löffel! Geht ans Fenster. Da zieht so ein Reichsknappe mit der Büchse herum; sie denken, wir haben uns verschossen. Er soll die Kugel versuchen, warm, wie sie aus der Pfanne kommt. Lädt.
GEORG lehnt den Löffel an: Laß mich sehn.
LERSE schießt: Da liegt der Spatz.
GEORG: Der schoß vorhin nach mir – sie gießen –, wie ich zum Dachfenster hinausstieg und die Rinne holen wollte. Er traf eine Taube, die nicht weit von mir saß, sie stürzt' in die Rinne; ich dankt ihm für den Braten und stieg mit der doppelten Beute wieder herein.
LERSE: Nun wollen wir wohl laden und im ganzen Schloß herumgehen, unser Mittagessen verdienen.
Götz kommt.
GÖTZ: Bleib, Lerse! ich habe mit dir zu reden! Dich, Georg, will ich nicht von der Jagd abhalten.
Georg ab.
GÖTZ: Sie entbieten mir einen Vertrag.
LERSE: Ich will zu ihnen hinaus und hören, was es soll.
GÖTZ: Es wird sein: ich soll mich auf Bedingungen in ritterlich Gefängnis stellen.
LERSE: Das ist nichts. Wie wär's, wenn sie uns freien Abzug eingestünden, da Ihr doch von Sickingen keinen Entsatz erwartet? Wir vergrüben Geld und Silber, wo sie's mit keiner Wünschelrute finden sollten, überließen ihnen das Schloß und kämen mit Manier davon.
GÖTZ: Sie lassen uns nicht.
LERSE: Es kommt auf eine Prob an. Wir wollen um sicher Geleit rufen, und ich will hinaus. Ab.
Saal
Götz, Elisabeth, Georg, Knechte bei Tische.
GÖTZ: So bringt uns die Gefahr zusammen. Laßt's euch schmecken, meine Freunde! Vergeßt das Trinken nicht. Die Flasche ist leer. Noch eine, liebe Frau!
Elisabeth zuckt die Achsel.
Ist keine mehr da?
ELISABETH leise: Noch eine; ich hab sie für dich beiseite gesetzt.
GÖTZ: Nicht doch, Liebe! Gib sie heraus. Sie brauchen Stärkung, nicht ich; es ist ja meine Sache.
ELISABETH: Holt sie draußen im Schrank!
GÖTZ: Es ist die letzte. Und mir ist's, als ob wir nicht zu sparen Ursach hätten. Ich bin lange nicht so vergnügt gewesen.
Schenkt ein. Es lebe der Kaiser!
ALLE: Er lebe!
GÖTZ: Das soll unser vorletztes Wort sein, wenn wir sterben! Ich lieb ihn, denn wir haben