Ungekürztes Werk "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 35)
Lebt wohl, Bruder.
MARIA: Ich kann nicht von Euch, Schwester. Lieber Bruder, laß uns. Achtest du meinen Mann so wenig, daß du in dieser Extremität seine Hülfe verschmähst?
GÖTZ: Ja, es ist weit mit mir gekommen. Vielleicht bin ich meinem Sturz nahe. Ihr beginnt zu leben, und ihr sollt euch von meinem Schicksal trennen. Ich hab eure Pferde zu satteln befohlen. Ihr müßt gleich fort.
MARIA: Bruder! Bruder!
ELISABETH zu Sickingen: Gebt ihm nach! Geht!
SICKINGEN: Liebe Marie, laßt uns gehen.
MARIA: Du auch? Mein Herz wird brechen.
GÖTZ: So bleib denn. In wenigen Stunden wird meine Burg umringt sein.
MARIA: Weh! Weh!
GÖTZ: Wir werden uns verteidigen, so gut wir können.
MARIA: Mutter Gottes, hab Erbarmen mit uns!
GÖTZ: Und am Ende werden wir sterben oder uns ergeben. – Du wirst deinen edeln Mann mit mir in ein Schicksal geweint haben.
MARIA: Du marterst mich.
GÖTZ: Bleib! Bleib! Wir werden zusammen gefangen werden. Sickingen, du wirst mit mir in die Grube fallen! Ich hoffte, du solltest mir heraushelfen.
MARIA: Wir wollen fort. Schwester, Schwester!
GÖTZ: Bringt sie in Sicherheit, und dann erinnert Euch meiner.
SICKINGEN: Ich will ihr Bette nicht besteigen, bis ich Euch außer Gefahr weiß.
GÖTZ: Schwester – liebe Schwester! Küßt sie.
SICKINGEN: Fort, fort!
GÖTZ: Noch einen Augenblick – Ich seh euch wieder. Tröstet euch! Wir sehn uns wieder.
Sickingen, Maria ab.
GÖTZ: Ich trieb sie, und da sie geht, möcht ich sie halten. Elisabeth, du bleibst bei mir!
ELISABETH: Bis in den Tod. Ab.
GÖTZ: Wen Gott liebhat, dem geb er so eine Frau!
Georg kommt.
GEORG: Sie sind in der Nähe, ich habe sie vom Turn gesehen. Die Sonne ging auf, und ich sah ihre Piken blinken. Wie ich sie sah, wollt mir's nicht bänger werden als einer Katze vor einer Armee Mäuse. Zwar wir spielen die Ratten.
GÖTZ: Seht nach den Torriegeln. Verrammelt's inwendig mit Balken und Steinen.
Georg ab.
Wir wollen ihre Geduld für 'n Narren halten, und ihre Tapferkeit sollen sie mir an ihren eigenen Nägeln verkäuen.
Trompeter von außen.
Aha! ein rotröckiger Schurke, der uns die Frage vorlegen wird, ob wir Hundsfötter sein wollen. Er geht ans Fenster: Was soll's?
Man hört in der Ferne reden.
GÖTZ in seinen Bart: Einen Strick um deinen Hals!
Trompeter redet fort.
GÖTZ: “Beleidiger der Majestät!” – Die Aufforderung hat ein Pfaff gemacht.
Trompeter endet.
GÖTZ antwortet: Mich ergeben! Auf Gnad und Ungnad! Mit wem redet ihr! Bin ich ein Räuber? Sag deinem Hauptmann: Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag's ihm, er kann mich – – – Schmeißt das Fenster zu.
Belagerung
Küche.
Elisabeth. Götz zu ihr.
GÖTZ: Du hast viel Arbeit, arme Frau.
ELISABETH: Ich wollt, ich hätte sie lang. Wir werden schwerlich lang aushalten können.
GÖTZ: Wir hatten nicht Zeit, uns zu versehen.
ELISABETH: Und die vielen Leute, die Ihr zeither gespeist habt. Mit dem Wein sind wir auch schon auf der Neige.
GÖTZ: Wenn wir nur auf einen gewissen Punkt halten, daß sie Kapitulation vorschlagen. Wir tun ihnen brav Abbruch. Sie schießen den ganzen Tag und verwunden unsere Mauern und knicken unsere Scheiben. Lerse ist ein braver Kerl; er schleicht mit seiner Büchse herum; wo sich einer zu nahe wagt, blaff! liegt er.
KNECHT: Kohlen,