Ungekürztes Werk "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 34)
niemand glauben, als wer über uns zu lachen Lust hat. – Reit' herum, ihr, und ihr, und ihr! Wo ihr von unsern zerstreuten Knechten findt, bringt sie zurück oder stecht sie nieder. Wir müssen diese Scharten auswetzen, und wenn die Klingen drüber zugrunde gehen sollten.
Jagsthausen
Götz. Lerse. Georg.
GÖTZ: Wir dürfen keinen Augenblick säumen! Arme Jungen, ich darf euch keine Rast gönnen. Jagt geschwind herum und sucht noch Reiter aufzutreiben. Bestellt sie alle nach Weilern, da sind sie am sichersten. Wenn wir zögern, so ziehen sie mir vors Schloß.
Die zwei ab.
Ich muß einen auf Kundschaft ausjagen. Es fängt an, heiß zu werden, und wenn es nur noch brave Kerls wären! aber so ist's die Menge. Ab.
Sickingen. Maria.
MARIA: Ich bitte Euch, lieber Sickingen, geht nicht von meinem Bruder! Seine Reiter, Selbitzens, Eure sind zerstreut; er ist allein, Selbitz ist verwundet auf sein Schloß gebracht, und ich fürchte alles.
SICKINGEN: Seid ruhig, ich gehe nicht weg.
Götz kommt.
GÖTZ: Kommt in die Kirch, der Pater wartet. Ihr sollt mir in einer Viertelstund ein Paar sein.
SICKINGEN: Laßt mich hier.
GÖTZ: In die Kirch sollt Ihr jetzt.
SICKINGEN: Gern – und darnach?
GÖTZ: Darnach sollt Ihr Eurer Wege gehn.
SICKINGEN: Götz!
GÖTZ: Wollt Ihr nicht in die Kirche?
SICKINGEN: Kommt, kommt.
Lager
Hauptmann. Ritter.
HAUPTMANN: Wieviel sind's in allem?
RITTER: Hundertundfunfzig.
HAUPTMANN: Von vierhunderten! Das ist arg. Jetzt gleich auf und grad gegen Jagsthausen zu, eh er sich wieder erholt und sich uns wieder in Weg stellt.
Jagsthausen
Götz. Elisabeth. Maria. Sickingen.
GÖTZ: Gott segne euch, geb euch glückliche Tage und behalte die, die er euch abzieht, für eure Kinder.
ELISABETH: Und die laß er sein, wie ihr seid: rechtschaffen! Und dann laßt sie werden, was sie wollen.
SICKINGEN: Ich dank euch. Und dank Euch, Maria. Ich führte Euch an den Altar, und Ihr sollt mich zur Glückseligkeit führen.
MARIA: Wir wollen zusammen eine Pilgrimschaft nach diesem fremden Gelobten Lande antreten.
GÖTZ: Glück auf die Reise!
MARIA: So ist's nicht gemeint, wir verlassen euch nicht.
GÖTZ: Ihr sollt, Schwester.
MARIA: Du bist sehr unbarmherzig, Bruder.
GÖTZ: Und Ihr zärtlicher als vorsehend.
Georg kommt.
GEORG heimlich: Ich kann niemand auftreiben. Ein einziger war geneigt; darnach veränderte er sich und wollte nicht.
GÖTZ: Gut, Georg. Das Glück fängt mir an, wetterwendisch zu werden. Ich ahnt's aber. Laut: Sickingen, ich bitt Euch, geht noch diesen Abend. Beredet Marie. Sie ist Eure Frau. Laßt sie's fühlen. Wenn Weiber quer in unsere Unternehmung treten, ist unser Feind im freien Feld sichrer als sonst in der Burg.
Knecht kommt.
KNECHT leise: Herr, das Reichsfähnlein ist auf dem Marsch, grad hieher, sehr schnell.
GÖTZ: Ich hab sie mit Rutenstreichen geweckt! Wieviel sind ihrer?
KNECHT: Ungefähr zweihundert. Sie können nicht zwei Stunden mehr von hier sein.
GÖTZ: Noch überm Fluß?
KNECHT: Ja, Herr.
GÖTZ: Wenn ich nur funfzig Mann hätte, sie sollten mir nicht herüber. Hast du Lersen nicht gesehen?
KNECHT: Nein, Herr.
GÖTZ: Biet allen, sie sollen sich bereit halten. – Es muß geschieden sein, meine Lieben. Weine, meine gute Marie; es werden Augenblicke kommen, wo du dich freuen wirst. Es ist besser, du weinst an deinem Hochzeittag, als daß übergroße Freude der Vorbote künftigen Elends wäre. Lebt wohl, Marie.