Johann Wolfgang Goethe: Interpretation "Faust I und II"

Genuss aber ist an die Sinne gebunden, damit an die Sinnlichkeit, die den Eros ebenso umfasst wie die Kunst. Nach der Erfahrung der im christlichen Norden schuldbeladenen Sinnlichkeit führt der Weg Fausts in die Welt der Antike. Hier entfaltet sich ein Kaleidoskop von Trugbildern, deren 'Realitätsgehalt' gar nicht bestimmbar ist, eine klassisch-romantische Phantasmagorie, wie Goethe selbst den zweiten Akt der Helena-Handlung benennt. Es ist die Welt der Kunst: im doppelten Sinne von künstlich und künstlerisch, damit gleichzeitig die Welt des schönen Scheins, der Ästhetik in ihrem Verzicht auf Erkenntnis der Wahrheit: "Am farbigen Abglanz haben wir die Welt."

Vom geistigen Durchdringenwollen der Welt zu ihrer sinnlichen Erfahrung, von der Metaphysik zur Ästhetik geht also zunächst Fausts Weg, auf dem er – über die Sinne Eindrücke empfangend – notwendigerweise passiv geblieben ist. In einem nächsten Wandlungsschritt wird Faust erstmalig aktiv: Er will die Welt verändern. Die Tat ist es nunmehr, bereits zu Anfang des ersten Teils in seinen Übersetzungsversuchen vorgeahnt, der er sein weiteres Leben widmen will. Dass aus dem Himmelsstürmer und Helenabeschwörer zum Schluss ein Deichbau-Ingenieur wird, mag auf den ersten Blick enttäuschen. Man neigt vielleicht dazu, Goethe einen bürgerlichen Nützlichkeitsoptimismus vorzuwerfen, oder – je nach Standpunkt – erleichtert aufzuatmen: Endlich ist Faust vernünftig geworden.

Was man gerade bei der letzten Wandlung gerne übersieht: Die Faustische Tätigkeit, pro forma für das Allgemeinwohl, entspringt zunächst einem ausgeprägten Machtwillen ("Herrschaft gewinn ich, Eigentum! / Die Tat ist alles, nichts der Ruhm"), wird mit unlauteren Mitteln (Unterstützung des korrupten Kaisers) erlangt und lässt sich nur durch menschenverachtende Maßnahmen überhaupt durchführen. Am deutlichsten kommt Fausts unmenschliche Handlungsweise in der Philemon-und-Baucis-Geschichte zum Ausdruck. Wenngleich er auch die teuflische Radikallösung nicht gewollt hat (Abbrennen von Hütte und Kirche und Tod der beiden Alten), so hat er sie doch eingeleitet. Überhaupt hat jetzt Mephisto, der in den antikischen Teilen stark zurücktreten muss, wieder fest das Szepter in der Hand. Es kann gar keine Rede davon sein, dass Faust nun in irgendeiner Form etwas Positives geleistet hat. Es ist im Grunde ein Abstieg zum übelsten Machtmenschentum; der Faust des letzten Aktes ist einsam wie nie zuvor, und die Blendung durch die allegorische Figur der Sorge spricht für sich: er ist in seinem Wahn wahrhaft verblendet.