Ungekürztes Werk "Die Elixiere des Teufels" von E. T. A. Hoffmann (Seite 111)

mich an, so unbeschreiblich milde und keusch, daß es mir war, als vergönne es der Himmel dem büßenden Sünder, schon hier auf Erden der Heiligen zu nahen. Ja, nicht Aurelie – die heilige Rosalia selbst war es, und ich stürzte zu ihren Füßen und rief laut: »O du fromme, hohe Heilige, darf sich denn irdische Liebe zu dir im Herzen regen?« – Dann reichte sie mir die Hand und sprach mit süßer milder Stimme: »Ach, keine hohe Heilige bin ich, aber wohl recht fromm und liebe dich gar sehr!«

Ich hatte Aurelien mehrere Tage nicht gesehen, sie war mit der Fürstin auf ein nahe gelegenes Lustschloß gegangen. Ich ertrug es nicht länger, ich rannte hin. – Am späten Abend angekommen, traf ich im Garten auf eine Kammerfrau, die mir Aureliens Zimmer nachwies. Leise, leise öffnete ich die Tür – ich trat hinein – eine schwüle Luft, ein wunderbarer Blumengeruch wallte mir sinnebetäubend entgegen. Erinnerungen stiegen in mir auf wie dunkle Träume! Ist das nicht Aureliens Zimmer auf dem Schlosse des Barons, wo ich ... Sowie ich dies dachte, war es, als erhöbe sich hinter mir eine finstre Gestalt, und: »Hermogen!« rief es in meinem Innern! Entsetzt rannte ich vorwärts, nur angelehnt war die Tür des Kabinetts. Aurelie kniete, den Rücken mir zugekehrt, auf einem Betschemel, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag. Voll scheuer Angst blickte ich unwillkürlich zurück – ich schaute nichts, da rief ich im höchsten Entzücken: »Aurelie, Aurelie!« – Sie wandte sich schnell um, aber noch ehe sie aufgestanden, lag ich neben ihr und hatte sie fest umschlungen. »Leonard! Mein Geliebter!« – lispelte sie leise. Da kochte und gärte in meinem Innern rasende Begier, wildes, sündiges Verlangen. Sie hing kraftlos in meinen Armen; die genestelten Haare waren aufgegangen und fielen in üppigen Locken über meine Schultern, der jugendliche Busen quoll hervor – sie ächzte dumpf – ich kannte mich selbst nicht mehr! – Ich riß sie empor, sie schien erkräftigt, eine fremde Glut brannte in ihrem Auge, feuriger erwiderte sie meine wütenden Küsse. Da rauschte es hinter uns wie starker, mächtiger Flügelschlag; ein schneidender Ton, wie das Angstgeschrei des zum Tode Getroffenen, gellte durch das Zimmer. – »Hermogen!« schrie Aurelie und sank ohnmächtig hin aus meinen Armen. Von wildem Entsetzen erfaßt, rannte ich fort! – Im Flur trat mir die Fürstin, von einem Spaziergange heimkehrend, entgegen. Sie blickte mich ernst und stolz an, indem sie sprach: »Es ist mir in der Tat sehr befremdlich, Sie hier zu sehen, Herr Leonard!« – Meine Verstörtheit im Augenblick bemeisternd, antwortete ich in beinahe bestimmterem Ton, als es ziemlich sein mochte, daß man oft gegen große Anregungen vergebens ankämpfe und daß oft das unschicklich Scheinende für das Schicklichste gelten könne! –

Als ich durch die finstre Nacht der Residenz zueilte, war es mir, als liefe jemand neben mir her – und als flüstere eine Stimme: »I ... Imm ... Immer bin ich bei di ... dir ... Brü ... Brüderlein ... Brüderlein Medardus!« – Blickte ich um mich her, so merkte ich wohl, daß

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