Ungekürztes Werk "Die Elixiere des Teufels" von E. T. A. Hoffmann (Seite 112)
das Phantom des Doppeltgängers nur in meiner Fantasie spuke; aber nicht los konnte ich das entsetzliche Bild werden, ja es war mir endlich, als müsse ich mit ihm sprechen und ihm erzählen, daß ich wieder recht albern gewesen sei und mich habe schrecken lassen von dem tollen Hermogen; die heilige Rosalia sollte denn nun bald mein – ganz mein sein, denn dafür wäre ich Mönch und habe die Weihe erhalten. Da lachte und stöhnte mein Doppeltgänger, wie er sonst getan, und stotterte: »Aber schn ... schnell ... schnell!« – »Gedulde dich nur«, sprach ich wieder, »gedulde dich nur mein Junge! Alles wird gut werden. Den Hermogen habe ich nur nicht gut getroffen, er hat solch ein verdammtes Kreuz am Halse, wie wir beide, aber mein flinkes Messerchen ist noch scharf und spitzig.« – »Hi ... hi hi ... tri ... triff gut ... triff gut!« – So verflüsterte des Doppeltgängers Stimme im Sausen des Morgenwindes, der von dem Feuerpurpur her strich, welches aufbrannte im Osten.
Eben war ich in meiner Wohnung angekommen, als ich zum Fürsten beschieden wurde. Der Fürst kam mir sehr freundlich entgegen. »In der Tat, Herr Leonard!« fing er an. »Sie haben sich meine Zuneigung in hohem Grade erworben; nicht verhehlen kann ich's Ihnen, daß mein Wohlwollen für Sie wahre Freundschaft geworden ist. Ich möchte Sie nicht verlieren, ich möchte Sie glücklich sehen. Überdem ist man Ihnen für das, was Sie gelitten haben, alle nur mögliche Entschädigung zu gewähren schuldig. Wissen Sie wohl, Herr Leonard, wer Ihren bösen Prozeß einzig und allein veranlaßte? Wer Sie anklagte?«
»Nein, gnädigster Herr!«
»Baronesse Aurelie! ... Sie erstaunen? Ja, ja, Baronesse Aurelie, mein Herr Leonard, die hat Sie« – er lachte laut auf –, »die hat Sie für einen Kapuziner gehalten! – Nun bei Gott! Sind Sie ein Kapuziner, so sind Sie der liebenswürdigste, den je ein menschliches Auge sah! Sagen Sie aufrichtig, Herr Leonard, sind Sie wirklich so ein Stück von Klostergeistlichem?«
»Gnädigster Herr, ich weiß nicht, welch ein böses Verhängnis mich immer zu dem Mönch machen will, der ...«
»Nun, nun! – Ich bin kein Inquisitor! Fatal wär's doch, wenn ein geistliches Gelübde Sie bände. – Zur Sache! Möchten Sie nicht für das Unheil, das Baronesse Aurelie Ihnen zufügte, Rache nehmen?«
»In welches Menschen Brust könnte ein Gedanke der Art gegen das holde Himmelsbild aufkommen?«
»Sie lieben Aurelien?«
Dies frug der Fürst, mir ernst und scharf ins Auge blickend. Ich schwieg, indem ich die Hand auf die Brust legte. Der Fürst fuhr weiter fort:
»Ich weiß es, Sie haben Aurelien geliebt seit dem Augenblick, als sie mit der Fürstin hier zum erstenmal in den Saal trat. – Sie werden wiedergeliebt, und zwar mit einem Feuer, das ich der sanften Aurelie nicht zugetraut hätte. Sie lebt nur in Ihnen, die Fürstin hat mir alles gesagt. Glauben Sie wohl, daß nach Ihrer Verhaftung Aurelie sich einer ganz trostlosen, verzweifelten Stimmung überließ, die sie auf das Krankenbett warf und dem Tode nahe brachte? Aurelie hielt Sie damals für den Mörder ihres Bruders, um so unerklärlicher war uns ihr Schmerz. Schon damals