Ungekürztes Werk "Die Elixiere des Teufels" von E. T. A. Hoffmann (Seite 45)
allein bin an der ganzen Fatalität schuld.« – »Wie ist das möglich?« frug ich voll Erstaunen. – »Wer gebietet dem Moment, wer widerstrebt den Hingebungen des höhern Geistes!« fuhr der Kleine voll Pathos fort. »Als ich ihr Haupthaar arrangierte, Verehrter, entzündeten sich in mir comme à l'ordinaire die sublimsten Ideen, ich überließ mich dem wilden Ausbruch ungeregelter Fantasie, und darüber vergaß ich nicht allein, die Locke des Zorns auf dem Hauptzwirbel gehörig zur weichen Runde abzuglätten, sondern ließ auch sogar siebenundzwanzig Haare der Angst und des Entsetzens über der Stirne stehen, diese richteten sich auf bei den starren Blicken des Malers, der eigentlich ein Revenant ist, und neigten sich ächzend gegen die Locke des Zorns, die zischend und knisternd auseinanderfuhr. Ich habe alles geschaut, da zogen Sie, von Wut entbrannt, ein Messer, Verehrter, an dem schon diverse Blutstropfen hingen, aber es war ein eitles Bemühen, dem Orkus den zuzusenden, der dem Orkus schon gehörte, denn dieser Maler ist Ahasverus, der ewige Jude oder Bertram de Bornis oder Mephistopheles oder Benvenuto Cellini oder der heilige Peter, kurz ein schnöder Revenant und durch nichts anders zu bannen als durch ein glühendes Lockeneisen, welches die Idee krümmt, welche eigentlich er ist, oder durch schickliches Frisieren der Gedanken, die er einsaugen muß, um die Idee zu nähren, mit elektrischen Kämmen. – Sie sehen, Verehrter, daß mir, dem Künstler und Fantasten von Profession, dergleichen Dinge wahre Pomade sind, welches Sprüchwort, aus meiner Kunst entnommen, weit bedeutender ist, als man wohl glaubt, sobald nur die Pomade echtes Nelkenöl enthält.« Das tolle Geschwätz des Kleinen, der unterdessen mit mir durch die Straßen rannte, hatte in dem Augenblick für mich etwas Grauenhaftes, und wenn ich dann und wann seine skurrilen Sprünge, sein komisches Gesicht bemerkte, mußte ich wie in konvulsivischem Krampf laut auflachen. Endlich waren wir in meinem Zimmer; Belcampo half mir packen, bald war alles zur Reise bereit, ich drückte dem Kleinen mehrere Dukaten in die Hand, er sprang hoch auf vor Freude und rief laut: »Heißa, nun habe ich ehrenwertes Geld, lauter flimmerndes Gold, mit Herzblut getränkt, gleißend und rote Strahlen spiegelnd. Das ist ein Einfall, und noch dazu ein lustiger, mein Herr, weiter nichts.«
Den Zusatz mochte ihm mein Befremden über seinen Ausruf entlocken; er bat sich es aus, der Locke des Zorns noch die gehörige Ründe geben, die Haare des Entsetzens kürzer schneiden und ein Löckchen Liebe zum Andenken mitnehmen zu dürfen. Ich ließ ihn gewähren, und er vollbrachte alles unter den possierlichsten Gebärden und Grimassen. – Zuletzt ergriff er das Messer, welches ich beim Umkleiden auf den Tisch gelegt, und stach damit, indem er eine Fechterstellung annahm, in die Luft hinein. »Ich töte Ihren Widersacher«, rief er, »und da er eine bloße Idee ist, muß er getötet werden können durch eine Idee und erstirbt demnach an dieser, der meinigen, die ich, um die Expression zu verstärken, mit schicklichen Leibesbewegungen begleite: ›Apage, Satanas, apage, apage, Ahasverus, allez-vous-en!‹ – Nun das wäre getan«, sagte er, das Messer weglegend, tief atmend und sich die Stirne trocknend, wie