Ungekürztes Werk "Die Elixiere des Teufels" von E. T. A. Hoffmann (Seite 46)

einer, der sich tüchtig angegriffen, um eine schwere Arbeit zu vollbringen. Rasch wollte ich das Messer verbergen und fuhr damit in den Ärmel, als trüge ich noch die Mönchskutte, welches der Kleine bemerkte und ganz schlau belächelte. Indem blies der Postillon vor dem Hause, da veränderte Belcampo plötzlich Ton und Stellung, er holte ein kleines Schnupftuch hervor, tat, als wische er sich die Tränen aus den Augen, bückte sich einmal über das andere ganz ehrerbietig, küßte mir die Hand und den Rock und flehte: »Zwei Messen für meine Großmutter, die an einer Indigestion, vier Messen für meinen Vater, der an unwillkürlichem Fasten starb, ehrwürdiger Herr! Aber für mich jede Woche eine, wenn ich gestorben. – Vorderhand Ablaß für meine vielen Sünden.– Ach, ehrwürdiger Herr, es steckt ein infamer sündlicher Kerl in meinem Innern und spricht: ›Peter Schönfeld, sei kein Affe und glaube, daß du bist, sondern ich bin eigentlich du, heiße Belcampo und bin eine geniale Idee, und wenn du das nicht glaubst, so stoße ich dich nieder mit einem spitzigen haarscharfen Gedanken.‹ Dieser feindliche Mensch, Belcampo genannt, Ehrwürdiger, begeht alle möglichen Laster; unter andern zweifelt er oft an der Gegenwart, betrinkt sich sehr, schlägt um sich und treibt Unzucht mit schönen jungfräulichen Gedanken; dieser Belcampo hat mich, den Peter Schönfeld, ganz verwirrt und konfus gemacht, daß ich oft ungebührlich springe und die Farbe der Unschuld schände, indem ich singend in dulci jubilo mit weißseidenen Strümpfen in den Dr... setze. Vergebung für beide, Pietro Belcampo und Peter Schönfeld!« – Er kniete vor mir nieder und tat, als schluchze er heftig. Die Narrheit des Menschen wurde mir lästig: – »Seien Sie doch vernünftig!« rief ich ihm zu; der Kellner trat herein, um mein Gepäck zu holen. Belcampo sprang auf, und wieder in seinen lustigen Humor zurückkommend, half er, indem er in einem fort schwatzte, dem Kellner das herbeibringen, was ich noch in der Eile verlangte. »Der Kerl ist ein ausgemachter Hasenfuß, man darf sich mit ihm nicht viel einlassen«, rief der Kellner, indem er die Wagentüre zuschlug. Belcampo schwenkte den Hut und rief: »Bis zum letzten Hauch meines Lebens!«, als ich mit bedeutendem Blick den Finger auf den Mund legte.

Als der Morgen zu dämmern anfing, lag die Stadt schon weit hinter mir, und die Gestalt des furchtbaren, entsetzlichen Menschen, der wie ein unerforschliches Geheimnis mich grauenvoll umfing, war verschwunden. – Die Frage der Postmeister »Wohin?« rückte es immer wieder aufs neue mir vor, wie ich nun jeder Verbindung im Leben abtrünnig geworden und, den wogenden Wellen des Zufalls preisgegeben, umherstriche. Aber hatte nicht eine unwiderstehliche Macht mich gewaltsam herausgerissen aus allem, was mir sonst befreundet, nur damit der mir inwohnende Geist in ungehemmter Kraft seine Schwingen rüstig entfalte und rege? – Rastlos durchstrich ich das herrliche Land, nirgends fand ich Ruhe, es trieb mich unaufhaltsam fort, immer weiter hinab in den Süden, ich war, ohne daran zu denken, bis jetzt kaum merklich von der Reiseroute abgewichen, die mir Leonardus bezeichnet, und so wirkte der Stoß, mit dem er mich in die

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