Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 407)
sich tief in seinem Gemüte, wie er es bis jetzt noch nie empfunden zu haben sich erinnerte.
Drittes Kapitel
Aber der freie Wille des Menschen gleicht dem Keime, der im Samenkorne liegt und des feuchten und warmen Erdreiches bedarf, um sich entwickeln und wachsen zu können. Heinrich mußte sogleich erfahren, daß dieser Keim, dieser löbliche Vorsatz des freien Willens, auch beim besten Willen, noch über seine Meinung hinaus das bedingteste Wesen von der Welt ist und ohne die notwendige Nahrung, ohne einen gesättigten Grund von Erfahrung, Einsicht und bereits erfüllten Bestimmungen so ruhig schläft wie das Weizenkorn auf dem Speicher. Dieser Grund, dieser Humus aber ist für jede Anlage ein anderer, gleichwie die Distel nicht da gedeiht, wo das Korn wächst, die Fichte noch fortkommt, wo die Tanne verschwindet, und selbst auf dem gleichen Boden bildet der Lindenkeim ein rundes Blatt, die Eiche ein gezacktes.
Heinrichs Lage erforderte, daß er sich nun mit allem Ernste in seinem erwählten Berufe an ein Ziel bringe, entweder seine eingetretene Mutlosigkeit und Täuschung in der Wahl, wenn dieselbe eine vorübergehende war, überwinde oder, wenn er sich darüber klar gemacht, mit raschem Entschlusse ein anderes Bestimmtes ergreife, ehe noch mehr Jahre ins Land gingen. Allein eben zu diesem Entschlusse noch zu irgend einem hatte er durchaus keine Wahl, weil er sich zu dieser Zeit an Erfahrung und Umsicht tausendmal ärmer fühlte als früher, da er ein bescheidenes, aber sicher begrenztes Ziel verfolgt hatte. Doch er war sich nicht einmal dieses Mangels einer Wahl und eines freien Entschlusses bewußt, sondern wie der Keim eines Samenkornes, sobald er etwas Wärme und Feuchte verspürt, nur erst ein Würzelchen auszudehnen und ein Stämmchen an das Licht zu bringen sucht, ehe er seine besondere Blattform ansetzt, so wurde Heinrich durch seinen Instinkt getrieben, das Bewußtsein ohne Nutzanwendung und Mäßigung zu bereichern und zu erfahren, was es eigentlich überhaupt zu lernen und zu bebauen gäbe in der Menschengeschichte.
So sog er, während er mit ernstem Pathos einen bewußten freien Willen zu üben wähnte, aber willenlos alle seine Angelegenheiten und bisherige Tätigkeit da liegen ließ, wo sie zuletzt gelegen, so sog er jetzt, einer willenlosen durstigen Pflanze gleich, die Nahrung der Erfahrung und das Lebenslicht der Einsicht in sich und setzte damit nur den im zarten Knabenalter gewaltsam unterbrochenen Prozeß fort, aber mit umso größerer Schwere als er unterdessen ein erwachsener Mensch geworden.
Sein liebster Aufenthalt war nun das Universitätsgebäude. Er besuchte die verschiedensten Vorlesungen und sah überall, was da gelernt werde, darüber alle Sorgen vergessend und das äußere Auge vor der Zukunft verschließend, aber innerlich umhertastend gleich der Raupe, die für ihren bestimmungsvollen Heißhunger ein anderes Baumblatt sucht.
Zu der Zeit seiner Jean Paulschen Belesenheitsbildung hatte er das Rechtswesen für eine Sache gehalten, von der absolut nichts zu wissen noch zu ahnen eine Ehre für jeden wohlangelegten Menschen sein müsse, und die Juristen waren ihm eine Art unglücklicher, in keiner Beziehung beneidenswerter Schicksalsgenossen gewesen, deren unterste Stufe etwa die Häscher und Abdecker wären, vom Abhub und Eiter der Gesellschaft lebend. Der Zivilrichter war ihm dazumal noch