Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 412)

so kann es der Fortschritt unmöglich sein, oder er ist keiner. Die Reaktion liebt z. B. das Blut, folglich darf es der Fortschritt nicht lieben, wenn er ihr wahrhaft überlegen sein will. Auch die gerechteste Rache führt den eigenen schließlichen Untergang mit sich, und die heldenmütigsten Rächer bringen mit ihrem Siege höchstens eine große Tragödie zustande; es handelt sich aber eben in der Geschichte und Politik um das, was die kurzatmigen Helden und Rhetoren nie einsehen: nicht um ein Trauerspiel, sondern um ein gutes Ziel und Ende, wo die geläuterte unbedingte Einsicht alle versöhnt, um ein großes heiteres Lustspiel, wo niemand mehr blutet und niemand weint. Langsam, aber sicher geht die Welt diesem Ziele entgegen.

Mit einem Worte, Heinrich erlangte die gute und nützliche Erkenntnis: Alles, was wir an unseren Gegnern verwerflich und tadelnswert finden, das müssen wir selber vermeiden und nur das an sich Gute und Rechte tun, nicht allein aus Gutmütigkeit und Neigung, sondern recht aus Zweckmäßigkeit und energischem geschichtlichen Bewußtsein.

Wie er nun dazu noch sah, daß jede geschichtliche Erscheinung genau die Dauer hat, welche ihre Gründlichkeit und lebendige Innerlichkeit verdient und der Art ihres Entstehens entspricht, wie die Dauer jedes Erfolges nur die Abrechnung der verwendeten Mittel und die Prüfung des Verständnisses ist und wie gegen die ununterbrochene Ursachenreihe auch in der Geschichts weder hoffen noch fürchten, weder jammern noch toben, weder Übermut noch Verzagtheit etwas hilft, sondern Bewegung und Rückschlag ihren wohlgemessenen und begründeten Rhythmus haben, so gab er besonders acht auf die Zeit und Dauerverhältnisse in der Geschichte und verglich den Charakter der Ereignisse und Zustände mit ihrer Dauer und dem Wechsel ihrer Folge: welche Art von anhaltenden Zuständen z.B. ein plötzliches oder ein allmähliches Ende nehme, oder welche Art von unerwarteten raschen Ereignissen dennoch einen dauernden Erfolg haben, und warum? welche Bewegungsarten einen schnellen oder langsamen, einen gänzlichen oder teilweisen Rückschlag hervorrufen, welche von ihnen scheinbar täuschen und in die Irre führen, und welche den erwarteten Gang offen gehen? in welchem Verhältnis überhaupt die Summe des moralischen Inhaltes zu dem Rhythmus der Jahrhunderte, der Jahre, der Wochen und der einzelnen Tage in der Geschichte stehe usw.? Dies alles betrieb er nicht, um eine Kalenderwissenschaft aufzustellen, sondern lediglich um die eine moralische Anschauung von allen Dingen zu verstärken. Durch diese Anschauung wurde er befähigt, schon im Beginn einer Bewegung nach ihren Mitteln und nach ihrer Natur die Hoffnung oder Furcht zu beschränken, die er auf sie zu setzen hatte, wie es einem besonnenen, freien Staats- und Weltbürger geziemt. Es ist, nicht leider, sondern glücklicherweise, kein Gemeinplatz, sondern eine eiserne Wahrheit, daß in der Geschichte überall keine Hexerei, sondern das Sprüchlein: wie mans treibt, so gehts! die lehrreichste Erklärung für alles ist.

Der ruhige feste Gleichmut, welcher aus solcher Auffassung des Ganzen und Vergleichung des Einzelnen hervorgeht, glücklich gemischt mit lebendigem Gefühl und Feuer für das nächst zu Ergreifende und Selbsterlebte, macht erst den guten und wohlgebildeten Weltbürger aus. Denn wenn er in diesen, in seinen eigenen Bestrebungen scheitert oder ein großes Mißlingen oder einen Untergang miterlebt, so

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