Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 410)

So wenig die Physiker der Wärme gegenüber eine eigentümliche Kälte kennen, so wenig es dem Schönen gegenüber eine absolute dämonische Häßlichkeit gibt, wie die dualistischen Ästhetiker glauben, so wenig wie es ein gehörntes und geschwänztes Prinzip des Bösen, einen selbstherrlichen Teufel gibt, so wenig gibt es eine Reaktion, welche aus eigener innewohnender Kraft und nach einem ursprünglichen Gesetze zu bestehen vermöchte.

Der hervorspringendste Beweis hiervon ist die umfangreichste Tat der Reaktion, wie sie ist, der Jesuitismus. Dieser ist an sich nichts als die Anziehung und Beschäftigung aller unnützen und eitlen Köpfe, welche zur Ausübung ihres Unsinnes einer kolossalen Methode bedürfen, um sich selbst zu genügen. Dies ist das innerste Geheimnis des Jesuitismus.

Daß er eine ungeheure hohle Blase ist, ein eingefleischter Widerspruch und Mutwillen, beweist die fürchterliche Dummheit, mit welcher er tiefer zu sein glaubt als die Kluft zwischen Wahrheit und Lüge, die greuliche Naivität, mir welcher er allen Ernstes glaubt, etwas Erkleckliches hervorzubringen durch die krasse Weltklugheit, die er in tausend verbohrte Schädel pflanzt, geschwollen von Herrsch- und Imponiersucht, und der Köhlerglaube, daß eine Armee solcher methodisierten Hans Narren eine höhere positive Welt bauen und sichern werden, die einen eigenen Leib und Geist habe.

Welch eine kindische Unbefangenheit für Leute, welche etwas Großes wollen: fortwährend mit der einen Hand eine sogenannte Kasuistik anzuwenden und mit der anderen abzuleugnen, als ob der Weltgang Muße und Unschuld genug hätte, auf dergleichen Torheiten einzugehen, und als ob ein großer Zweck mit kleinlichen Mitteln erreichbar wäre! Deswegen ist auch der Jesuitenspruch: der Zweck heiligt die Mittel! ein charakteristischer Hauptunsinn; denn nicht nur heiligt kein Zweck ihm entgegengesetzte Mittel, sondern er kennt gar keine solchen Mittel in seiner Eigenschaft als Zweck. Hätten die Jesuiten einen einfachen, offen auszusprechenden, materiell weltlichen Zweck für ihr Dasein, so würden ihre materielle Machtverbreitung, ihre Schlauheit, ihre Politik, ihre Gewaltsamkeit und Fügsamkeit, ihre tausend Künste vielleicht große Mittel sein; so wie sie aber einen religiösen, geistlichen, überweltlichen Zweck zu haben auch nur vorgeben, so werden in einem Handumkehren alle jene Anstrengungen zu unsäglich kleinen mißgriffenen und törichten Mitteln, welche die ewigen Henker ihres eigenen Zweckes sind. Auch arbeiten die Jesuiten, als moderne Sisyphusse, im Schweiße ihres Angesichtes an ihrer unausgesetzten Selbstaufhebung, und wo sich die rechtmäßige Weltbewegung, die keine Ränke übt, nur im Schlafe schüttelt, müssen sie davonlaufen oder der Bewegung dienen ohne Dank. Am seltsamsten nehmen sich in solchen Katastrophen alle jene Müßiggänger aus, welche unter dem drohenden Namen von »geheimen Jesuiten« in aller Welt herumliegen und tun, als ob sie was zu tun hätten außer der zwecklosen Unruh- und Zwietrachtserregung, die ihr närrisches Gebaren hervorbringt!

Weil die Reformation ihrer Zeit und Möglichkeit nach eine Halbheit war, so entstand durch ihre Bewegung sogleich der Jesuitismus, um den leeren Raum zu füllen; oder vielmehr war er selbst eine leere Löwenhaut, in welche sich, dem wirklichen Löwen der Reformation gegenüber, andere Tiere steckten, vom Esel an bis zum Wolf und Tiger, und selbst wenn sich ein löwenartiges Tier darin verbarg, so hob sich dieses selbst wieder auf durch die doppelte Haut, wie zwei Nein

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