Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 442)

so sicher und geläufig, daß er dabei ein ganzes Leben durchdrehte und auf der sich abwickelnden blauen Linie eine Welt durchwanderte, bald traurig und verzagt, bald hoffnungsvoll, bald heiter und ausgelassen, die schnurrigsten Abenteuer erlebend.

Am Abend, nachdem er in einer entlegenen Schenke ein spärliches Abendbrot gegessen, seinen Erwerb geizig zusammenhaltend, kehrte er müde und zufrieden in seine Wohnung zurück und konnte kaum den Tag erwarten, wo er in aller Frühe wieder an die seltsame Arbeit gehen durfte.

So kam endlich der Tag heran, an welchem die künftige Königin ihren Einzug hielt. Schon am frühen Morgen fingen die Straßen an, das allerbunteste Gewand anzuziehen, und die Bevölkerung wogte hin und her, der besitzende, angesessene oder abhängige Teil noch mit den Anstalten beschäftigt, der müßige und unabhängige Teil gaffend und sich an dem Tun der anderen vergnügend. Werkleute hämmerten und kletterten an Gerüsten und Ehrenbogen umher, Gärtner und Bauern führten ganze Lasten grünen Zeuges herbei, indessen die Behörden und Zünfte auf den Beinen waren und ihren Aufzug in zwecklosem Umherstehen und Gehen den ganzen Tag hielten. Die dicke gespreizte Magistratsperson, die nicht wußte, wo ihr der Kopf stand vor aufgeblähtem Eifer, Wohldienerei und Wichtigtuerei, rannte die arme Witwe über den Haufen, die noch in der letzten Stunde ein Kränzchen oder Fähnchen herbeiholte, und der reiche Hofschuhmacher stieß mit der ungeheuren Schilderei, welche er an seinem Laden aufrichtete, der über ihm wohnenden alten Jungfer den verblühten Myrtenstock herunter, welchen die Geizige statt allen Aufwandes vor das Fenster gesetzt.

Im Laden des Alten war es allmählich leer geworden, nur einzelne arme Leute kamen am Nachmittage noch, um nach reiflichem Entschlusse und Erwägung des Nutzens oder des Schadens, welchen die Unterlassung bringen könnte, noch eine billige Fahne oder zwei zu holen, und feilschten hartnäckig um den Preis. Der Alte zählte jetzt seine Einnahme, und vollauf damit beschäftigt, forderte er Heinrich auf, sich jetzt hinauszumachen, unter die Leute zu gehen, den Einzug anzusehen und sich etwas gütlich zu tun. »Sie machen sich wohl nichts daraus, wie?« fügte er hinzu, als er sah, daß der Aufgeforderte keine besondere Lust zeigte, »sehen Sie, so wird man gesetzt und klug! Schon weiser geworden dahinten bei der alten Esse in der kurzen Zeit! Das ist recht, so muß es kommen! Aber geht dennoch ein bißchen hinaus, Liebster, und wäre es nur, um einmal die Sonne zu genießen und ein schönes junges Königskind anzusehen.« Heinrich fühlte sich nicht berufen, dem Alten auseinanderzusetzen, inwiefern er Recht oder Unrecht habe mit seiner Zufriedenheit und seiner Anschauung, ging jedoch vor die Stadt hinaus, um jedenfalls etwas Luft zu schöpfen. Er sah nun auf dem Wege die ganze Herrlichkeit fertig und mit einem Male, alles schwamm, flatterte, glänzte und schimmerte in Farben, Gold und Grün, und ein unzähliger Menschenstrom wälzte sich vor das Tor, wo eine schon vorhandene gleiche Menge auf dem Felde lagerte und zechte, als ob es gälte, ein Ilion von Tonnen zu bezwingen. Aber die goldene Nachmittagssonne rechtfertigte und verklärte allen Lärm, alles Toben und alle Lust; Heinrich atmete tief auf und es war

Seiten