Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 443)

ihm zu Mut, als ob er ein Jahr lang am Schatten gelegen hätte in einem kalten Gefängnis, so wärmend und wohltuend strömte der goldene Schein auf ihn ein.

Plötzlich ertönte Kanonendonner, Glockengeläute über der ganzen weitgedehnten Stadt, Musik erschallte an allen Enden, die Trommeln wurden gerührt, auf der breiten Landstraße wälzte sich erst ein laufender Menschenknäuel daher, dann rasselte ein geharnischter Reiterhaufen, ritten Beamtete aller Art heran und an der Spitze eines langen Wagenzuges rollte jetzt der Blumenwagen vorüber, in welchem ein liebliches junges Mädchen saß in Reisekleidern und höchst vergnügt das tobende Volk begrüßte. Doch alles ging so schnell vorüber wie ein Traum, und hinter den letzten Reitern flutete die Menge zusammen und bedeckte, sich langsam nach der Stadt wälzend, alle Gehöfte, Wirtshäuser und Schenken im Umkreise und fiel singend, lärmend, prügelnd in die zahllosen Fallen, welche ihr die stillen Spekulanten des Tages überall aufgestellt.

Auch Heinrich schlenderte in die Stadt zurück und unterhielt sich nun damit, seine Fahnenstangen vor den anderen herauszusuchen; er kannte sie bald an verschiedenen Zeichen, und ein um das andere Haus wies diese Erzeugnisse seines Fleißes auf. Unversehens aber erwachte der Republikaner in ihm und er rief schmerzlich in sich hinein: »Das ist also nun das Ende vom Liede, daß du in dieser Stadt sitzest und solchen Unsinn beiträgst zum Unsinn!« Und als ob alle Leute ihm ansehen könnten, daß er die unzähligen Stängelchen und Stangen bemalt, während in der Tat kein Sterblicher eine Ahnung hatte außer dem Alten, eilte Heinrich voll Scham und Zerknirschtheit wieder aus der Stadt an den abendlichen Fluß hinaus und in die schönen Gehölze, die sich längs desselben hinzogen. Er ging auf denselben Wegen, auf welchen er einst in Floribus als hoffnungsreicher Kunstjünger gefahren und gegangen in jener grünen Narrentracht und mit Ferdinand Lys gestritten hatte. Die politischen Bedenken wegen seiner Steckenarbeit traten jetzt zwar zurück, aber nur um noch tieferen Platz zu machen. »Das war nun«, sagte er sich, »so ein Stück Schulzeit in der Schule dieses Alten! aber nun ist es nachgerade mehr als genug!« Der rauschende Fluß, die rauschenden Bäume, die balsamische Luft der hereinbrechenden Nacht, die er alle so lange nicht genossen, schienen ihn aufzurufen zur Treue gegen sich selbst und zum Widerstand gegen jedes unnatürliche Joch und schienen zu singen: Siehe, wir rauschen, wehen und fließen, atmen und leben und sind alle Augenblicke da, wie wir sind, und lassen uns nichts anfechten. Wir biegen und neigen uns, leiden und lassen es über uns dahinbrausen und brausen selbst mit und sind doch nie etwas anderes als das, was wir sind! Wir gehen unter und leben doch, und was wir leben, das sorgen wir nicht! Im Herbst schütteln wir alle Blätter ab, und im Lenz bekleiden wir uns mit jungem Grün; heute verrinnen wir und scheinen versiegt und morgen sind wir da und strömen einher, und ich, der Wind, wehe wohin ich muß und tue es mit Freuden, ob ich auf meinen Flügeln Rosengerüche trage oder die Wolken des Unheils!

Als Heinrich nach der Stadt zurückkehrte, beschloß er, nie

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