Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 499)
welche dieses ohnehin nicht haben oder es selten ertragen können, sind darauf angewiesen, für ihre Armut und Fratzenhaftigkeit Nachsicht und Duldung zu verlangen und gegenseitig zu üben, so daß hieraus ein starker Teil der guten Sitte entspringt, die sich sogar zu veredeln und etwas Tieferes zu werden fähig ist. So lernte jetzt Heinrich nach dem Beispiele des Grafen sich auf seinem Stuhle ruhig zu verhalten, die Fratzen, die Rotznasen und die Erbsenschneller zu ertragen und sich gegen jedermann artig zu benehmen, und was er erst mehr heuchelte als in guten Treuen empfand, lernte er nach und nach in der besten Meinung von innen heraus tun und befand sich um vieles wohler dabei, ersehend, wie in jedem Geschöpfe etwas ist, was wert ist, daß man einige Liebe auf es wirft und ihm einigen Wert verleiht. Zuletzt schämte er sich sogar bitterlich seines frühern Übermutes und fühlte, wie weit mehr man Gefahr läuft, den Armen und Widersinnigen gleich zu werden, wenn man sie befehdet und zwackt, als wenn man sie gewähren läßt; denn sie haben etwas Dämonisches und Verheerendes an sich.
In einem ganz sonderlichen Verhältnisse zu dem Hause stand der katholische Pfarrer des Ortes, welcher so oft in Gesellschaft des Grafen erschien, daß er für eine Art von Hausfreund gelten konnte. Er hatte eine dicke Mopsnase, welche durch einen Studentenhieb in zwei Abteilungen geteilt war, zum Denkzeichen einer großen Vornäsigkeit in der Jugend. Der Mund war sehr aufgeworfen und sinnlich und die Tonsur hatte sich allmählich ziemlich vergrößert, obgleich er sie immer noch streng in ihrer kreisrunden Form hielt, da er hierin gar keinen Spaß verstand und die Reitbahn, welche sich an seinem Hinterhaupte dem Blicke darbot, durchaus für eine Tonsur angesehen wissen wollte. Dieser Mann war nun vorzüglich drei Dinge: ein leidenschaftlicher Esser und Trinker, ein großer religiöser Idealist und ein noch größerer Humorist. Und zwar war er letzteres in dem Sinne, daß er alle drei Minuten lang das Wort Humor verwendete und es zum Maßstabe und Kriterium alles dessen machte, was irgendwie vorfiel oder gesprochen wurde. Alles, was er selbst tat, redete und fühlte, gab er zunächst für humoristisch aus, und obgleich es dies nur in den minderen Fällen war und mehr in einem maßlosen Klappern und Feuerwerken mit gesuchten Gegensätzen, Bildern und Gleichnissen bestand, so ging aus diesem Wesen dennoch ein gewisser Humor heraus, welcher die Leute lachen machte, besonders wenn der Graf, Dorothea und Heinrich, welche in ihrem kleinen Finger, wenn sie ihn bewegten, mehr Humor hatten als der Pfarrer in seinem Gemüte, zusammensaßen und er ihnen mit ungeheurem Wortschwall erklärte, was Humor sei und wie sie von dieser Gottesgabe auch nicht eines Senfkörnleins groß besäßen. Er las eifrigst alle humoristischen Schriften und alle, welche vom Humor handelten, und hatte sich ein ordentliches System über dieses Feuchte, Flüssige, Ätherische, Weltumplätschernde, wie er es nannte, aufgebaut, das ziemlich mit seiner Theologie zusammenfiel. Cervantes führte er ebenso oft im Munde wie Shakespeare, aber er fand den größten Gefallen an den unzähligen Prügeln, welche Sancho und der Ritter bekommen, an den