Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 500)
Einseifungen, Prellereien und derben Sachen aller Art. Die göttlichen feineren Dinge sah und verstand er gar nicht oder wollte sie nicht sehen, besonders wenn sie wie auf ihn gemünzt waren, was dann zu den Versicherungen seines eigenen Humors den ergötzlichsten Gegensatz bildete. So sah er in dem Abenteuer in der Höhle des Montesinos nur eine äußere komische Schnurre; den feinen Humor, der in dem langen Seile liegt, welches ganz nutzlos abgerollt wird, indessen der Ritter schon im Anfange die Augen schließt, und insbesondere die Art, wie er sich nachher vielfältig in Hinsicht des in der Höhle Gesehenen benimmt, dies alles sah er gar nicht oder rümpfte unmerklich die Nase dazu.
Sein Idealismus, und er nannte sich bald rühmend, bald entschuldigend einen Idealisten, bestand darin, daß er gegenüber seinen Zuhörern, welche alles Wirkliche, Geschehende und Bestehende, sofern es sein eigenes Wesen ausreichend und gelungen ausdrückt, ideal nannten, eben dieses Wirkliche materiellen und groben Mist oder Staub schalt und dagegen alles Niegesehene, Nichtbegriffene, Namenlose und Unaussprechliche ideal hieß, was ebenso gut war, als wenn man irgend einen leeren Raum am Himmel Hinterpommern nennen wollte. Als Priester aber war er höchst freisinnig und über seine Kirche, in welcher er predigte, hinaus; seine Religion dagegen war ein aufgeklärter Deismus, welchen er aber viel fanatischer vertrat als irgend ein Pfaffe seine Satzungen. Er suchte einen rechten Höllenzwang auszuüben mit idealen und humoristischen Redensarten und bauete artige Scheiterhäufchen aus Antithesen, hinkenden Gleichnissen und gewaltsamen Witzen, worauf er den Verstand, den guten Willen und sogar das gute Gewissen seiner Gegner zu verbrennen trachtete, seiner eigenen Meinung zum angenehmen Brandopfer.
Diese Lieblingsbeschäftigung, nebst dem reichlichen Tisch des Grafen, führte ihn häufig in das Haus, und da er zugleich eine ehrliche Haut und ein redlicher Helfer bei allen guten Unternehmungen der Herrschaft war, so wurde er zum Bedürfnis und zur bleibenden Heiterkeit des Hauses. Besonders Dorothea wußte ihn mit der leichtesten Anmut in den Irrgärten seines fanatischen Humors umherzuführen, neckend vor ihm hin zu huschen und durch die verworrenen Buschwerke seines krausen Witzes zu schlüpfen. Unergründlich war es dabei, ob mehr ihr heiteres Wohlwollen oder ein bedenklicher Mutwillen im Spiele lag; denn ebenso oft als sie dem Pfarrer Gelegenheit gab zu glänzen, verlockte sie seine Eitelkeit auf das Eis, wo sein Witz das Bein brach.
Heinrich ward hierüber etwas verdutzt und verwirrt und wußte sich nicht recht in diesen Ton zu finden, auch wußte er anfangs nicht, worum es sich handelte, bis eines Mittags, als Dorothea in ebenso zarter als fröhlicher Weise den Pfarrer verführte, ihr allerlei seltsame und abenteuerliche Beweise für die Unsterblichkeit aufzuzählen, der Graf sagte: »Sie müssen nämlich wissen, lieber Heinrich, daß Dortchen ganz auf eigene Faust nicht an die Unsterblichkeit glaubt, und zwar nicht etwa infolge angelernter und gelesener Dinge oder durch meinen Einfluß, sondern auf ganz originelle Weise, sozusagen von Kindesbeinen an!«
Dorothea schämte sich wie ein Backfischchen, dessen Herzensgeheimnis man verraten hat, und drückte das rotgewordene Gesicht auf das Tischtuch, daß die schwarzen Locken sich auf der weißen Fläche ausbreiteten.
Dieser Vorgang machte auf Heinrich einen Eindruck, der