Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 502)

»sind beide Fragen unzertrennlich, jedoch macht sie sich nichts aus der Schule und sagt nur: Ach Gott! es ist ja recht wohl möglich, daß Gott ist, aber was kann ich ärmstes Ding davon wissen? Wenn wir unsere Nase in alles stecken müßten, so wäre jedem von uns eine deutliche Anweisung gegeben. Ich gönne jedem Menschen seinen guten Glauben und mir mein gutes Gewissen!«

Obgleich Heinrich seinen lieben Gott, zwar etwas eingeschlummert, immer noch im Gemüte trug, so gefiel ihm doch dies alles, was er von Dorothea hörte, ausnehmend wohl, weil sie es war, von welcher man dergleichen sagte; nur behauptete er für sich, daß er es ebenso liebenswürdig und angenehm an ihr finden würde, wenn sie eine eifrige Katholikin oder Jüdin wäre. Doch widerfuhr es ihm bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal, daß er ohne alle Bedenklichkeit und vielmehr mit ihm selbst wohltuender Gleichgültigkeit vom Sein oder Nichtsein dieser Dinge sprechen hörte, und er fühlte ohne Freude und ohne Schmerz, ohne Spott und ohne Schwere die anerzogenen Gedanken von Gott und Unsterblichkeit sich in ihm lösen und beweglich werden.

Die Welt sah er schon durch Dortchens Augen an und sie glänzte ihm in der Tat in stärkerem und tieferem Glanze, und ein süßes Weh durchschauerte ihn, wenn er sich nur die Möglichkeit dachte, für dies kurze Leben mit Dortchen in dieser schönen Welt zusammen zu sein.

Doch kannegießerte er seit jenem Tage noch öfter mit dem Grafen über den lieben Gott. Der wahrhafte kluge Edelmann lehnte zwar durchaus ab, ihn belehren und überzeugen zu wollen, und wich seinen Anmutungen gelassen aus. Nur eines Tages wurde er etwas wärmer, als Heinrich anfing: »Ich habe, seit ich in Ihrem Hause bin, wieder viel mit meiner Selbstsucht zu kämpfen, indem ich nach alter eingewurzelter Gewohnheit immer dem lieben Gott für das Gute danken möchte, das er mir erwiesen. Denn obschon ich mir schon seit längerer Zeit widerstand und meine kleinen persönlichen Erlebnisse nicht mehr einer unmittelbaren Lenkung Gottes zuschreiben mochte, so verlockt mich das, was mir hier geschah, dennoch immer wieder dazu, und ich muß manchmal lachen, wenn ich bedenke, welch ein lustiges und liebliches Schauspiel es für den guten weisen Gott sein muß, zu sehen, wie ein junger Mensch ihm gern für etwas Gutes danken möchte und sich ganz ehrlich dagegen sperrt aus lauterer Vernunftmäßigkeit! Warum macht er sich aber auch so närrische Geschöpfe!«

Der Graf sagte: »Ich muß Ihnen diesmal, ganz abgesehen vom lieben Gott, wirklich eine Zurechtweisung angedeihen lassen. Die Christen lehren von ihrem Standpunkt aus ganz praktisch und weise, daß man, so schlecht es einem auch erginge und solange sich auch Gottes Hilfe zu entziehen scheine, nie an ihm verzweifeln müsse, da er dennoch immer da sei. Was dem einen recht, ist dem andern billig! Warum, wenn wir in neunundneunzig Fällen, wo es uns schlimm ergeht, wo kein glücklicher Stern, d.h. kein guter Zufall uns begünstigt, uns mit der Vernunft und Notwendigkeit trösten und unsere tüchtige feste Haltung rühmen, warum denn im hundertsten Falle, wo einmal ein schönes und glückhaftes Ungefähr uns lacht,

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