Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 511)

demselben. »O nun will ich es ihr sagen!« sagte er, und ein Stein fiel ihm vom Herzen und er dachte, nun wäre alles gut.

Der Herzenskundige wird hier wohl bemerken, daß diese Fröhlichkeit nur von der leisen Hoffnung herrührte, welche sich in Heinrichs Vorsatz mit einschlich, und daß er, ohne es zu wollen, dennoch im Begriffe war, jene Schlauheit zu begehen, welche er sich nicht zu schulden wollte kommen lassen.

Es war gerade Sonnabend und der Tag näherte sich seinem Ende. Er nahm sich also vor, noch bis in die Nacht umherzustreifen und am Sonntagmorgen dann guter Dinge zu sein, wieder ein unbefangenes Gesicht zu machen und, sobald sich der günstige Augenblick böte, ihr unter Scherz und Lachen sein Bekenntnis abzulegen mit der gemessensten Aufforderung, daß sie sich gar nichts daraus machen und die Sache einzig wie eine kleine Morgenerheiterung aufnehmen solle. Der arme Teufel, wie er sich selbst belog!

Der Sonntagmorgen geriet wunderschön, der reine Himmel lachte durch alle Fenster in das helle Haus und der Garten blühte schon an allen Enden. Heinrich war wirklich guter Dinge und putzte sich sorgfältiger heraus als gewohnt; er verlor den Mut nicht, da er sich einbildete, nichts erreichen zu wollen, sich allein wie ein Kind auf die herzliche Plauderei freuend, die er ihr vormusizieren wollte, und sich davon ein reines und ungetrübtes Glück und ein ruhiges Leben versprechend. Und es fielen ihm tausend Narrheiten in den Sinn, welche er dazwischen flechten wollte, um Dortchen zu ergötzen, damit sie ja nicht die mindeste Unruhe oder Betrübnis verspüren sollte. So war er in der rosigsten Laune und das Herz klopfte ihm stark und lebendig, und indem ihm fortwährend neue Witze einfielen, über die er lachen mußte, traten ihm zugleich Tränen in die Augen, so sehr freute er sich darauf, ihr endlich gegenüber zu sein und mit ihr zu plaudern.

Aber es fand sich, daß Dortchen schon am Sonnabend viele Meilen weit weggefahren war, um eine Freundin zu besuchen, und wenigstens drei Wochen lang wegbleiben wollte. Hilf Himmel! welch ein Donnerschlag! Der ganze schöne Sonntagsfrühling in Heinrichs Brust war mit einem Zuge weggewischt, die Narrheiten und Witze tauchten unverweilt ihre Köpfte spurlos unter die Flut der dunkelsten Gesinnung und der blaue Himmel ward schwarz wie die Nacht vor Heinrichs Augen. Das erste, was er tat, war, daß er wohl zwanzigmal den Weg vom Garten nach dem Kirchhofe hin und zurück ging, und er drückte sich dabei genau an die Kante des Pfades, an welcher Dortchen hinzustreifen pflegte mit dem Saum ihres Gewandes. Aber auf diesen Stationen brachte er weiter nichts heraus, als daß das alte Elend mit verstärkter Gewalt wieder da war und alle Vernunft wie weggeblasen. Das Gewicht im Herzen war auch wieder da und drückte fleißig darauf los.

Diese drei Wochen glaubte Heinrich nicht erleben zu können und beschloß, sich so bald als möglich fortzumachen. Er zwang sich deshalb zur Arbeit, so gut es gehen wollte. Zum Glück war dieselbe vor dem Liebeswetter schon so weit gediehen, daß es nur der fortgesetzten Anstrengung weniger Tage bedurfte, um zu

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