Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 513)

er sie gelernt hatte.

Endlich aber stellte sich von dem andauernden Druck des besagten goldenen Bildes ein bleibender körperlicher Schmerz auf der linken Seite ein, der erst nur ganz leise war und sich nur allmählich bemerklich machte. Als ihn Heinrich endlich entdeckte und von der gewohnten Beklemmung unterschied, fuhr er unablässig mit der Hand über die Stelle, als ob er wegwischen könnte, was ihm weh tat. Da es aber nicht wegging, sagte er: »So, so, nun hats mich!« denn er dachte, dieses wäre nun das wirkliche und wahrhaftige Herzeleid, an welchem man stürbe, wenn es nicht aufhörte. Und er wunderte sich, daß also das bekannte Herzweh, welches in den Balladen und Romanzen vorkommt, in der Tat und Wahrheit existiere und gerade ihn betreffen müsse. Erst empfand er fast eine kindische Schadenfreude, wie jener Junge, welcher sagte, es geschehe seinem Vater ganz recht, wenn er sich die Hand erfröre, warum kaufe er ihm keine Handschuhe? Doch dann schlug dies Vergnügen wieder in Traurigkeit um, als er sich ernstlicher bedachte und befand, daß nun gar keine Rede mehr davon sein könne, Dortchen etwas zu sagen, da die Sache bedenklich würde und ihr Sorgen und Befangenheit erwecken müßte.

Er suchte jetzt sein Wäldchen wieder auf am Berge, das indessen schön grün geworden war und von Vogelsang ertönte. Auf dem Baume, unter dem Heinrich den ganzen Tag saß, war ein Star und guckte, wenn er genug Würmchen gefressen hatte, zutulich auf ihn herunter und stieg jeden Tag um einen Ast näher herab. Während nun Heinrich darüber nachsann, wie dieser Kummer alles andere, was ihn schon gequält, weit hinter sich lasse, wie das Leid der Liebe so schuldlos sei, denn was habe man getan, daß einem ein anderes Wesen so wohl gefalle? und dennoch so unerträglich und bitter und unvernünftig und einen zugrunde zu richten vermöge, und während er sich jedoch vornahm, daß dies nicht geschehen solle und er sich schon seiner Haut wehren wolle, sprach er nichts mehr als immer den gleichen Seufzer: »O Dortchen, Dortchen – Dortchen, Dortchen Schönfund! Wenn du wüßtest, wie mir es ergeht!« und dies so oft, daß eines schönen Morgens über seinem Kopfe unversehens eine seltsame Stimme rief: »O Dortchen, Dortchen Schönfund! Wenn du wüßtest, wie mir es ergeht!« Dies war der Star, der diese Worte gemächlich auswendig gelernt und nun jedesmal damit fortfuhr, wenn Heinrich eine Weile geschwiegen, so daß sie nun unablässig in dem grünen Busch ertönten. Manchmal, wenn Heinrich nur abgebrochen Dortchen rief und wieder schwieg, sang der Star: »Dortchen?« worauf Heinrich antwortete: »Ja, Dortchen ist nicht Hierchen!« Oder wenn er bloß seufzte: »Wenn du wüßtest!« so rief der Vogel nach einem Weilchen: »Wie mir es ergeht!«

Es erging ihm aber auch so schlimm, daß er sich nach Dorotheens Wiederkehr sehnte, bloß um eine äußerliche Veränderung zu erfahren und sie noch einmal zu sehen, um dann unverzüglich fortzugehen. Als er gerade am letzten Abend der drei Wochen sich ins Haus begab, hoffte er nicht, daß sie schon da sein würde, sah aber schon vom Garten her, daß Licht in

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