Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 517)
schwarzem Marmor, auf welchem, aus dem gleichen Stein gehauen, ein langer Ritter ausgestreckt lag, die Hände auf der Brust gefaltet. An seiner linken Seite, auf dem Kranze des Sarkophags, stand eine verschlossene Büchse von Erz, reich gearbeitet und mittelst einer ehernen Kette an dem Marmor befestigt. Sie enthielt das vertrocknete Herz des Ritters, und sein Wappen war auf ihr eingegraben. Die Büchse und die feine Kette waren gänzlich oxydiert und schillerten schön grün im Zwielicht der Sakristei. Das Grabmal aber gehörte, laut den Hausberichten, einem französischen Ritter an, welcher von wilder und heftiger, aber ehrlicher und verliebter Natur gewesen und dessen Herz, als er vor allerhand Unstern und Frauenmißhandlung flüchtig herumzog, in dieser Gegend gewaltsam gebrochen war. Dies war zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts geschehen und seine Familie hatte hier, wo er in den letzten Tagen gepflegt worden, das Grabmal errichten lassen. Dasselbe vor Augen saß Heinrich nun da in seinem Winkel zwischen alten Tabernakeln und Prozessionsgerätschaften, als er hörte, daß wieder Leute in die Kirche traten. Es schienen zwei Frauenzimmer zu sein, und bald unterschied er Dortchens und Apollönchens Stimme, die miteinander leise sprachen. Sie schienen diesmal nicht zu lachen, sondern angelegentlich etwas zu beraten. Doch bald war ihnen der Ernst zu lang und sie kamen in die Sakristei hereingehuscht, indem Dortchen rief: »Komm, wir wollen den verliebten Ritter besehen!« Sie stellten sich dicht vor das Grabmal und gafften dem starren Rittersmann neugierig in das dunkle ehrliche Gesicht. »O Gott! ich fürchte mich!« flüsterte Apollönchen, »wir wollen hinausgehen!« – »Warum denn, Närrchen?« sagte Dortchen laut, »der tut niemand was zu leid! Sieh, wie es ein guter Kerl ist!« Sie nahm das erzene Gefäß in die Hand und wog es bedächtig; aber plötzlich schüttelte sie es, so stark sie konnte, auf und nieder, daß das arme tote Herz darin zu hören war und die Kette dazu erklang. Sie atmete heftig, war rot wie eine Rose im Gesicht und ihr schöner Mund lachte und zeigte die weißen Zähne. »Sieh die Klappernuß! höre die Klappernuß!« rief sie, »da! klappre auch einmal!« Sie drückte dem zitternden Apollönchen die Herzbüchse in die Hände; aber dieses schrie ängstlich auf, ließ die Büchse fallen, und Dortchen fing sie gewandt auf und klapperte abermals damit.
Heinrich, von dessen Gegenwart sie keine Ahnung hatten, sah ganz erstaunt zu. »Wart, du Teufel!« dachte er, »dich will ich schön erschrecken!« Er wischte sich die Augen trocken, stieß einen hohlen Seufzer aus und sprach mit trauriger Zitterstimme, welche er gar nicht zu verstellen brauchte, und in altem Französisch: »Dame, s'il vous plaist, laissez cestuy cueur en repos!« Erbleichend und mit einem Doppelschrei flohen die Mädchen aus der Sakristei und Kirche wie besessen, und zwar Dortchen voraus, welche mit einem elastischen Satz über Schwelle und Stufen der Kirchentür hinaussprang, schneebleich, aber immer noch lachend, ihr Kleid zusammennahm und über den Kirchhof wegeilte, bis sie eine Gartenbank fand, auf welche sie sich warf. Bebend lief das erschreckte Apollönchen hinter ihr drein und flüchtete sich an ihre Seite, sich kaum fassend. Dortchen, deren Gesicht fast