Ungekürztes Werk "Der grüne Heinrich" von Gottfried Keller (Seite 518)
so weiß war wie die Zähne, atmete hoch auf, lehnte sich zurück und hielt die Hände um die Knie geschlungen. »O Gott, es hat gespukt! das ist mein Tod!« rief Apollönchen, und Dortchen sagte: »Ja wohl, es spukt, es spukt!« und lachte wie eine Tolle. »Du Gottlose, fürchtest du dich nicht ein bißchen? Klopft dein Herz nicht zehnmal stärker als du das Herz da drin gerüttelt hast?« – »Mein Herz?« erwiderte Dortchen, »ich sage dir, es ist guter Dinge!« – »Was hat es denn gerufen«, sagte Apollönchen und hielt sich beide Hände an die eigene pochende Herzseite, »was hat das französische Gespenst gesagt?« – »Fräulein! hat es gesagt, wenn es Euch gefällt, so macht dies Herz zu Eurem Nadelkissen! Geh wieder hin und sag, wir wollten uns bedenken, ob es uns gefiele!«
Eine Stunde später war Dortchen allein auf ihrem Zimmer, das sie abgeschlossen hatte, und war eifrig damit beschäftigt, ein Körbchen mit Naschwerk zurecht zu machen für den Nachtisch. Sie hatte nämlich die Gewohnheit, immer ein solches Körbchen unter ihrem Verschluß zu halten, das mit feinem Zuckerwerk angefüllt war und das sie in buntes Papier wickelte, nachdem sie eine selbst geschriebene Devise dazu gelegt. Hierzu verwendete sie schöne und graziöse Verse aus allen Sprachen und alten und neuen Dichtern, am liebsten kleine gute Sinngedichte, welche geeignet waren, angenehme und witzige Vorstellungen zu erregen und eine heitere Fröhlichkeit zu verbreiten. Auch trieb sie allerhand Schwank damit, indem sie oft zwei verschiedene Zeilen aus verschiedenen Dichtern zu einem Distichon zusammenfügte, so daß man glaubte, Bekanntes zu lesen, und doch nicht klug daraus wurde, indessen die neue zierliche Wendung, der entgegengesetzte Sinn, welchen das Unbekannt-Bekannte abgab, ergötzte und vielfältig in die Irre führte. Dortchen wickelte jetzt rasch und nachdenklich den ganzen Vorrat auf, warf die alten Zettelchen beiseite und schrieb auf neue Streifchen feinen Papieres zwanzig- oder dreißigmal dasselbe Sinngedicht eines alten schlesischen Poeten. Dann wickelte sie diese Zettel mit dem Zuckerwerke wieder ein, wozu sie neues, nur weißes Papier nahm, schloß ihre Tür wieder auf und trug ihr Körbchen nach dem hübschen Schränkchen, das sie im Familienzimmer ebenfalls unter ihrem Verschluß hatte.
Heinrich hatte unterdessen endlich ausgetobt, die Schluchzerei, deren er sich schämte, und der Scherz hatten ihn erleichtert und ruhiger gemacht und er nahm sich nun zum allerletzten Mal bestimmt vor, Dortchen gut zu sein, ohne an etwas weiteres zu denken noch sich zu bekümmern, und seine Gedanken nach anderen Dingen und nach seiner Zukunft zu richten. Desnahen war er ziemlich zufrieden am Abendtisch, und weil er, als der Abreisende, der Gegenstand des Gespräches war, seine Zukunft mit Wohlwollen besprochen wurde und außerdem der Graf, als sich von selbst verstehend, erklärte, abermals mit ihm zu reisen nach der Hauptstadt, da Heinrich das nicht gehofft hatte, so befand er sich zuletzt so glücklich und lustig wie je und lachte Dortchen freundschaftlich an, als sie endlich mit ihrem Körbchen zu ihm trat.
»Heut bekommen Sie zum letzten Mal ein Bonbon von mir!« sagte sie, »suchen Sie sich ein recht gutes aus!«
Heinrich suchte unbefangen einige Sekunden