Ungekürztes Werk "Der Schuß von der Kanzel" von Conrad Ferdinand Meyer (Seite 244)

Meer grüßen. Die Woge war schöner als das Mädchen. Doch zurück zu den zwei Toren! Horch, sie sprechen miteinander! Und bei allen Musen, fortan unterbreche mich keiner mehr, sonst findet uns Mitternacht noch am Märchenherde.

»Als der Mönch, nachdem er Antiope heimgeführt, seinen Saal wieder betrat – doch ich vergaß zu sagen, daß er Ascanio nicht begegnete, obwohl dieser mit der Sänfte und Madonna Olympia darin denselben Weg gemacht hatte. Denn der Neffe, nachdem er die gänzlich Vernichtete ihrer Dienerschaft übergeben, war schleunig zu seinem Ohm, dem Tyrannen, geeilt, ihm den tollen Vorgang als frisches Gebäcke aufzutischen. Er hinterbrachte Ezzelin lieber eine Stadtgeschichte als eine Verschwörung.

Ich weiß nicht, ob der Mönch so wohlgestaltet war, wie der Spötter Ascanio ihn genannt hatte. Aber ich sehe ihn, der wie der blühendste Jüngling schreitet. Mit beflügelten Füßen durchschwebt er den Saal, als trüge ihn Zephir oder führte ihn Iris. Seine Augen sind voller Sonne, und er murmelt Laute aus der Sprache der Seligen. Gocciola, der viel Zyperwein geschluckt hatte, fühlte sich gleichfalls beherzt und verjüngt. Auch unter seinen Sohlen löste sich der Marmorboden in weißes Gewölk auf. Er verspürte einen unbesiegbaren Durst, das Gemurmel auf den frischen Lippen Astorres, wie man sich über eine Quelle beugt, zu belauschen, und begann neben demselben die Länge des Saales zu durchmessen, bald mit gespreizten, bald mit hüpfenden Schritten, das Narrenzepter unter dem Arme.

›Das zärtliche Haupt, das sich für den Vater bot, hat sich auch für die Mutter geboten und gegeben!‹ lispelte Astorre. ›Das schamhafte! wie es brannte! Das mißhandelte! wie es litt! Das geschlagene! wie es aufschrie! Hat es mich je verlassen, seit es auf dem Blocke lag? Es wohnte in meinem Geiste. Es begleitete mich allgegenwärtig, schwebte in meinem Gebete, strahlte in meiner Zelle, bettete sich auf mein Kissen! Lag das herzige Haupt mit dem weißen, schmalen Hälschen nicht neben dem des heiligen Paulus –‹

›Des heiligen Paulus?‹ kicherte das Tröpfchen.

›Des heiligen Paulus auf unserm Altarbilde –‹

›Mit dem schwarzen Kraushaar und dem roten Hals auf dem breiten Blocke und dem Beil des Henkers darüber?‹ Gocciola verrichtete bei den Franziskanern zeitweilig seine Andacht.

Der Mönch nickte. ›Sah ich lange hin, so zuckte das Beil und ich bebte zusammen. Habe ich es nicht dem Prior gebeichtet?‹

›Und was sagte der Prior?‹ examinierte Gocciola.

›Mein Sohn‹, sagte er, ›was du sahest, war ein vorausgeeiltes Kind des himmlischen Triumphzuges. Dem ambrosischen Hälschen geschieht kein Leid!‹

›Aber‹, reizte der böse Narr, ›das Kind ist gewachsen, so hoch!‹ Er hob die Hand, dann senkte er sie und hielt sie über dem Boden. ›Und die Kutte Euer Herrlichkeit‹, grinste er, ›liegt so tief!‹

Das Gemeine konnte den Mönch nicht berühren. Ein schöpferisches Feuer war aus der Hand Antiopes in die seinige gefahren und begann zuerst zart und sanft, dann immer heißer und schärfer in seinen Adern zu brennen. ›Gepriesen sei Gott Vater‹, frohlockte er plötzlich, ›der Mann und Weib geschaffen hat!‹

›Die Eva?‹ fragte der Narr.

›Die Antiope!‹ antwortete der Mönch.

›Und die andere? Die Große? Was fängst du mit der an? Schickst du sie betteln?‹ Gocciola wischte sich die Augen.

›Welches andere?‹

Seiten