Ungekürztes Werk "Der Schuß von der Kanzel" von Conrad Ferdinand Meyer (Seite 246)

von einem Zufall gerollt!‹ und er erzählte mit fliegenden Worten.

›Aber auch der Schwester, die zufuhr, darfst du es nicht anrechnen, Astorre‹, behauptete Germano. ›Ihr schoß das Blut zu Kopfe, sie sah nicht, wen sie vor sich hatte. Sie glaubte die Närrin zu treffen, die ihr die Eltern verhunzte, und schlug die liebe Unschuld. Diese aber muß vor Gott und Menschen wieder zu Ehren und Würden gezogen werden. Laß das meine Sache sein, Schwager! Ich bin der Bruder. Es ist einfach.‹

›Du redest in einem fort und bleibst doch dunkel, Germano! Was hast du vor? Wie vergütest du es der Ärmsten?‹ fragte Ascanio.

›Es ist einfach‹, wiederholte Germano. ›Ich biete Antiope Canossa meine Hand und mache sie zu meinem Weibe.‹

Ascanio griff sich an die Stirn. Der Streich betäubte ihn. Als er dann aber, schnell besonnen, näher zusah, fand er das heroische Mittel gar nicht so übel; doch warf er einen ängstlichen Blick auf den Mönch. Dieser, seiner selbst wieder mächtig, hielt sich mäuschenstille und horchte aufmerksam. Das Ehrgefühl des Kriegers scholl wie ein heller Ruf durch die Wildnis seiner Seele.

›So treffe ich zwei Fliegen mit einem Schlage, Schwager‹, erläuterte Germano. ›Das Mädchen wird in ihren Züchten und Ehren hergestellt. Den möchte ich sehen, der hinter meinem Weibe zischelte! Dann stifte ich Frieden zwischen euch Eheleuten. Diana braucht sich nicht länger vor dir noch vor sich selbst zu schämen und ist von ihrem Jähzorne gründlich geheilt. Ich sage dir: sie ist davon genesen, zeitlebens!‹

Astorre drückte ihm die Hand. ›Du bist brav!‹ sagte er. Der Wille, seine himmlische oder irdische Lust tapfer zu überwinden, erstarkte in dem Mönche. Doch dieser Wille war nicht frei und diese Tugend nicht selbstlos; denn sie klammerte sich an einen gefährlichen Sophismus: nicht anders als ich selbst eine Ungeliebte umarmen werde, tröstete sich Astorre, wird auch Antiope von einem Manne sich umfangen lassen, welcher sie kurzerdinge freit, um fremdes Unrecht gut zu machen. Wir verzichten alle! Entsagung und Kasteiung in der Welt wie im Kloster!

›Was geschehen muß, verschiebe ich nicht‹, drängte Germano. ›Sonst würde sie sich schlummerlos wälzen.‹ Ich weiß nicht meinte er Diana oder Antiope. ›Schwager, du begleitest mich als Zeuge: ich tue es in den Formen.‹

›Nein, nein!‹ schrie Ascanio erschreckt. ›Nicht Astorre! Nimm mich!‹

Germano schüttelte den Kopf. ›Ascanio, mein Freund‹, sagte er, ›dazu eignest du dich nicht. Du bist kein ernsthafter Zeuge in Ehesachen! Auch wird mein Bruder Astorre es sich nicht nehmen lassen, für mich zu werben. Es ist ja zum großen Teil seine eigene Angelegenheit. Nicht wahr, Astorre?‹ Dieser nickte. ›So bereite dich, Schwager. Mache dich hübsch! Hänge dir eine Kette um! ‹

›Und‹, scherzte Ascanio gezwungen, ›wann du über den Hof gehst, tauche den Kopf in den Brunnen! Du selbst aber Germano, trägst Panzer? So kriegerisch? Schickt sich das zur Freite?‹

›Ich bin lange nicht aus der Rüstung gekommen und sie kleidet mich. Was betrachtest du mich von Kopf zu Füßen, Ascanio?‹

›Ich frage mich, woher dieser Gepanzerte seine Sicherheit nimmt, nicht mitsamt der Sturmleiter in den Graben geworfen zu werden?‹

›Das kann nicht in Frage stehen‹, meine Germano

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