Ungekürztes Werk "Der Schuß von der Kanzel" von Conrad Ferdinand Meyer (Seite 245)
fragte der Mönch. ›Gibt es ein Weib, das nicht Antiope wäre!‹
Dies war selbst dem Narren zu stark. Er glotzte Astorre erschreckt an, wurde aber von einer Faust am Kragen gepackt, gegen die Pforte geschleppt und auf den Flur gesetzt. Dieselbe Hand legte sich dann auf Astorres Schulter.
›Erwache, Traumwandler!‹ rief der zurückgekehrte Ascanio, welcher die letzte schwärmerische Rede des Mönches belauscht hatte. Er zog den Verzückten auf eine Fensterbank nieder, heftete fest Augen auf Augen, und: ›Astorre, du bist von Sinnen!‹ sprach er ihn an.
Dieser wich zuerst den prüfenden Blicken wie geblendet aus, dann begegnete er ihnen mit den seinigen, die noch voller Jubel waren, um sie scheu niederzuschlagen. ›Wunderst du dich?‹ fragte er dann.
›So wenig als über das Lodern einer Flamme‹, versetzte Ascanio. ›Aber da du kein blindes Element, sondern eine Vernunft und ein Wille bist, so tritt die Flamme aus, sonst frißt sie dich und ganz Padua. Muß dir das Weltkind göttliches und menschliches Gesetz predigen? Du bist vermählt! So redet dieser Ring an deinem Finger. Wenn du, wie erst dein Gelübde, jetzt dein Verlöbnis brichst, brichst du Sitte, Pflicht, Ehre und Stadtfrieden. Wenn du dir den Pfeil des blinden Gottes nicht rasch und heldenmütig aus dem Herzen ziehst, ermordet er dich, Antiope und noch ein paar andere, wen es gerade treffen wird. Astorre! Astorre!‹
Ascanios mutwillige Lippen erstaunten über die großen und ernsten Worte, welche er in seiner Herzensangst ihnen zu reden gab. ›Dein Name, Astorre‹, sagte er dann halb scherzend, ›schmettert wie eine Tuba und ruft dich zum Kampfe gegen dich selbst!‹
Astorre ermannte sich. ›Man hat mir ein Philtrum gegeben!‹ rief er aus. ›Ich rase, ich bin ein Wahnsinniger! Ascanio, ich gebe dir Macht über mich, feßle mich!‹
›An Dianen will ich dich fesseln!‹ sagte Ascanio. ›Folge mir, daß wir sie suchen!‹
›War es nicht Diana, die Antiope schlug?‹ fragte der Mönch.
›Das hast du geträumt! Du hast alles geträumt! Du warst deiner Sinne nicht mächtig! Ich beschwöre dich! Ich befehle es dir! Ich ergreife und führe dich!‹
Wenn Ascanio die Wirklichkeit verjagen wollte, so führte sie der auf dem Flur klirrende Schritt Germanos zurück. Mit einem entschlossenen Gesichte trat der Bruder Dianens vor den Mönch und faßte seine Hand. ›Ein gestörtes Fest, Schwager!‹ sagte er. ›Die Schwester schickt mich – ich lüge, sie schickt mich nicht. Denn sie hat sich in ihre Kammer eingeschlossen und drinnen flennt sie und verflucht ihren Jähzorn – heute ersaufen wir in Weibertränen! Sie liebt dich, nur bringt sie es nicht über die Lippen – es ist in der Familie: ich kann es auch nicht. An dir hat sie keinen Augenblick gezweifelt. Es ist einfach: du hast irgendwo einen Ring verschleudert – wenn es der deinige war, den die kleine Canossa – wie heißt sie doch? richtig: Antiope! – am Finger trug. Die närrische Mutter fand ihn und hat daraus ihr Märchen gesponnen. Antiope ist natürlich an alledem unschuldig wie ein neugeborenes Kind – wer es anders meint, hat es mit mir zu tun!‹
›Nicht ich!‹ rief Astorre. ›Antiope ist rein wie der Himmel! Der Ring wurde