Ungekürztes Werk "Galgenlieder" von Christian Morgenstern (Seite 12)

gequält;

denn für ihn ist Selbstverstehung,

daß man mit der Erdumdrehung

schlafen müsse, mit den Pfosten

seines Körpers strikt nach Osten.

Und so scherzt er kaustisch-köstlich:

»Nein, mein Diwan bleibt – west-östlich!«

Der vorgeschlafene Heilschlaf

Palmström schläft vor zwölf Experten

den berühmten ›Schlaf vor Mitternacht‹,

  seine Heilkraft zu erhärten.

Als er, da es zwölf, erwacht,

sind die zwölf Experten sämtlich müde.

  Er allein ist frisch wie eine junge Rüde!

Bildhauerisches

Palmström haut aus seinen Federbetten,

sozusagen, Marmorimpressionen:

Götter, Menschen, Bestien und Dämonen.

Aus dem Stegreif faßt er in die Daunen

des Plumeaus und springt zurück, zu prüfen,

leuchterschwingend, seine Schöpferlaunen.

Und im Spiel der Lichter und der Schatten

schaut er Zeuse, Ritter und Mulatten,

Tigerköpfe, Putten und Madonnen …

träumt: Wenn Bildner all dies wirklich schüfen,

würden sie den Ruhm des Alters retten,

würden Rom und Hellas übersonnen!

Die Kugeln

Palmström nimmt Papier aus seinem Schube.

Und verteilt es kunstvoll in der Stube.

Und nachdem er Kugeln draus gemacht.

Und verteilt es kunstvoll, und zur Nacht.

Und verteilt die Kugeln so (zur Nacht),

daß er, wenn er plötzlich nachts erwacht,

daß er, wenn er nachts erwacht, die Kugeln

knistern hört und ihn ein heimlich Grugeln

packt (daß ihn dann nachts ein heimlich Grugeln

packt) beim Spuk der packpapiernen Kugeln …

Zukunftssorgen

Korf, den Ahnung leicht erschreckt,

sieht den Himmel schon bedeckt

von Ballonen jeder Größe

und verfertigt ganze Stöße

von Entwürfen zu Statuten

eines Klubs zur resoluten

Wahrung der gedachten Zone

vor der Willkür der Ballone.

Doch er ahnt schon, ach, beim Schreiben

seinen Klub im Rückstand bleiben:

Dämmrig, dünkt ihn, wird die Luft

und die Landschaft Grab und Gruft.

Er begibt sich drum der Feder,

steckt das Licht an (wie dann jeder),

tritt damit bei Palmström ein,

und so sitzen sie zu zwein.

Endlich, nach vier langen Stunden,

ist der Alpdruck überwunden.

Palmström bricht zuerst den Bann:

»Korf,« so spricht er, »sei ein Mann!

Du vergreifst dich im Jahrzehnt:

Noch wird all das erst ersehnt,

was, vom Geist dir vorgegaukelt,

heut dein Haupt schon überschaukelt.«

Korf entrafft sich dem Gesicht.

Niemand fliegt im goldnen Licht!

Er verlöscht die Kerze schweigend.

Doch dann, auf die Sonne zeigend,

spricht er: »Wenn nicht jetzt, so einst –

kommt es, daß du nicht mehr scheinst,

wenigstens nicht uns, den – grausend

sag ichs –: unteren Zehntausend!« …

Wieder sitzt v. Korf danach

stumm in seinem Schreibgemach

und entwirft Statuten eines

Klubs zum Schutz des Sonnenscheines.

Das Warenhaus

Palmström kann nicht ohne Post

  leben:

Sie ist seiner Tage Kost.

Täglich dreimal ist er ganz

  Spannung.

Täglich ists der gleiche Tanz:

Selten hört er einen Brief

  plumpen

in den Kasten breit und tief.

Düster schilt er auf den Mann,

  welcher,

wie man weiß, nichts dafür kann.

Endlich kommt er drauf zurück,

  auf das:

›Warenhaus für Kleines Glück‹.

Und bestellt dort, frisch vom Rost

  (quasi):

ein Quartal – ›Gemischte Post‹!

Und nun kommt von früh bis spät

  Post von

aller Art und Qualität.

Jedermann teilt sich ihm mit,

  brieflich,

denkt an ihn auf Schritt und Tritt.

Palmström sieht sich in die Welt

  plötzlich

überall hineingestellt …

Und ihm wird schon wirr und weh …

  Doch es

ist ja nur das – ›W. K. G.‹

Lärmschutz

Palmström liebt, sich in Geräusch zu wickeln,

teils zur Abwehr wider fremde Lärme,

teils um sich vor drittem Ohr zu schirmen.

Und so läßt er sich um seine Zimmer

Wasserröhren legen, welche brausen.

Und ergeht sich, so behütet, oft in

stundenlangen Monologen, stunden-

langen Monologen, gleich dem Redner

von Athen, der in die Brandung brüllte,

gleich Demosthenes am Strand des Meeres.

Bona fide

Palmström geht durch eine fremde Stadt …

Lieber Gott, so denkt er, welch ein Regen!

Und

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