Ungekürztes Werk "Galgenlieder" von Christian Morgenstern (Seite 15)
es sonst unmöglich ist,
daß mir unternachts des Schlafes Labe
blüht, die ich nun doch notwendig habe!
Tu es, wenn du edel bist!
Deine Frau im Nest wird dich auch so bewundern,
wenn du gänzlich in der Art der Flundern
auftrittst und im Wipfel wohlig ruhst
oder, eine fliegende Makrele,
sie umflatterst, holde Philomele
(– die du mir gewiß die Liebe tust!).«
Die weggeworfene Flinte
Palmström findet eines Abends,
als er zwischen hohem Korn
singend schweift,
eine Flinte.
Trauernd bricht er seinen Hymnus
ab und setzt sich in den Mohn,
seinen Fund
zu betrachten.
Innig stellt er den Verzagten,
der ins Korn sie warf, sich vor
und beklagt
ihn von Herzen.
Mohn und Ähren und Zyanen
windet seine Hand derweil
still um Lauf,
Hahn und Kolben …
Und er lehnt den so bekränzten
Stutzen an den Kreuzwegstein,
hoffend zart,
daß der Zage,
noch einmal des Weges kommend,
ihn erblicken möge – und –
(… Seht den Mond
groß im Osten …)
Korfs Verzauberung
Korf erfährt von einer fernen Base,
einer Zauberin,
die aus Kräuterschaum Planeten blase,
und er eilt dahin,
eilt dahin gen Odelidelase,
zu der Zauberin …
Findet wandelnd sie auf ihrer Wiese,
fragt sie, ob sie sei,
die aus Kräuterschaum Planeten bliese,
ob sie sei die Fei,
sei die Fei von Odeladelise.
Ja, sie sei die Fei!
Und sie reicht ihm willig Krug und Ähre,
und er bläst den Schaum,
und sieh da, die wunderschönste Sphäre
wölbt sich in den Raum,
wölbt sich auf, als obs ein Weltball wäre,
nicht nur Schaum und Traum.
Und die Kugel löst sich los vom Halme,
schwebt gelind empor,
dreht sich um und mischt dem Sphärenpsalme,
mischt dem Sphärenchor
Töne, wie aus ferner Hirtenschalme,
dringen sanft hervor.
In dem Spiegel aber ihrer Runde
schaut v. Korf beglückt,
was ihm je in jeder guten Stunde
durch den Sinn gerückt:
Seine Welt erblickt mit offnem Munde
Korf entzückt.
Und er nennt die Base seine Muse,
und sieh da! sieh dort!
Es erfaßt ihn was an seiner Bluse
und entführt ihn fort,
führt ihn fort aus Odeladeluse
nach dem neuen Ort …
Korf-Münchhausen
Korf zu Taten zu befeuern,
redet man ihm allerhand
von Münchhausens Abenteuern.
Dies versetzt v. Korf in Brand,
und er geht an einen Sumpf
und verläßt das feste Land.
Mit den Füßen, mit dem Rumpf
sinkt er unter; nur der Kopf
ragt noch samt des Schopfes Stumpf.
Doch, wenn man ihn ganz versteht,
weiß man, daß er nimmermehr
in dem Sumpf zugrunde geht.
Denn, wie man schon oft erfuhr,
ist v. Korf kein Mensch wie wir,
ist ein Mensch pro forma nur.
Selbst zieht er am Schopf (als Geist,
der er ist) aus Sumpf und Moor
wieder sich zum Licht empor.
Niemand sieht den Geist natürlich,
sondern hält ihn für figürlich. –
Doch die Tatsache beweist …
Und v. Korf erklärt: »Münchhausen
tat vermutlich auch nicht flausen.
Doch ihn hörten nur Banausen.«
Europens Bücher
Korf ist fassungslos, und er entflieht,
wenn er nur Europens Bücher sieht.
Er versteht es nicht, wie man
zentnerschwere Bände leiden kann.
Und ihm graut, wie man dadurch den Geist
gleichsam in ein Grab von Stoff verweist.
Geist ist leicht und sollte darum auch
leicht gewandet gehn nach Geisterbrauch.
Doch der Europäer ruht erst dann,
wenn er ihn in Bretter ›binden‹ kann.
Korf und Palmström wetteifern in Notturnos
I. Die Priesterin
Nachdenklich nickt im Dämmer die Pagode …
Daneben tritt aus ihres Hauses Pforte
T'ang-ku-ei-i, die Hüterin der Orte
vom krausen Leben und vom grausen Tode.
Aus ihrem Munde hängt die Mondschein-Ode
Tang-Wangs, des Kaisers, mit geblümter Borte,
in ihren Händen trägt sie eine Torte,
gekrönt von einer winzigen Kommode.
So wandelt sie die sieben ängstlich schmalen,
aus Flötenholz geschwungnen Tempelbrücken
zum Grabe des vom Mond