Ungekürztes Werk "Galgenlieder" von Christian Morgenstern (Seite 16)

erschlagnen Hundes –

und brockt den Kuchen in die Opferschalen –

und lockt den Mond, sich auf den Schrein zu bücken,

und reicht ihm ihr Gedicht gespitzten Mundes …

   (v. K.)

II. Der Rock

Der Rock, am Tage angehabt,

er ruht zur Nacht sich schweigend aus;

durch seine hohlen Ärmel trabt

die Maus.

Durch seine hohlen Ärmel trabt

gespenstisch auf und ab die Maus …

Der Rock, am Tage angehabt,

er ruht zur Nacht sich aus.

Er ruht, am Tage angehabt,

im Schoß der Nacht sich schweigend aus,

er ruht, von seiner Maus durchtrabt,

sich aus.

  (P.)

III. Notturno in Weiß

Die steinerne Familie,

aus Marmelstein gemacht,

sie kniet um eine Lilie,

im Kreis um eine Lilie,

in totenstiller Nacht.

Der Lilie Weiß ist weicher

als wie das Weiß des Steins,

der Lilie Weiß ist weicher,

doch das des Steins ist bleicher

im Weiß des Mondenscheins.

Die Lilie, die Familie,

der Mond in sanfter Pracht,

sie halten so Vigilie,

wetteifernde Vigilie,

in totenstiller Nacht.

(v. K.)

Korf in Berlin

Korf – man kennt ihn wohl genügend –,

Korf begibt sich nach Berlin,

einem Zug der Zeit sich fügend.

In Berlin empfängt man ihn …

Zwar erblickt man ihn nicht leiblich,

denn wie ja schon dargeziehn,

ist er weder männ- noch weiblich,

sondern schlechterdings ein Geist,

dessen Nichtsehn unausbleiblich.

Alpinismus

I

Palmström rechnet mit v. Korf zu Haus

den Kubikinhalt der Alpen aus

(denn er denkt die Alpen sich als einen

Würfel aus Turisten, Kühen und Steinen)

und fixiert des Würfels Höh auf praeter-

propter 63 Kilometer.

Er besteigt, statt daß wie sonst er reist,

ihn in Julinächten oft im Geist.

190000 Fuß ob Tschirne

liegt er und sieht faustgroß die Gestirne.

II

(Angewandte Wissenschaft)

Palmström denkt die Alpen sich als Kubus …

Und besteigt sie so, mit seinem Tubus.

Dreiundsechzighundert Hektometer

überm Spiegel seiner Wohnung steht er –

sieht die Gasschiff-Flotte der Korona

und erblickt das Mondschaf in persona.

Der eingebundene Korf

Korf läßt sich in einen Folianten einbinden,

um selben immer bei sich zu tragen;

die Rücken liegen gemeinsam hinten,

doch vorn ist das Buch auseinandergeschlagen.

So daß er, gleichsam flügelbelastet,

mit hinter den Armen flatternden Seiten

hinwandelt oder zu anderen Zeiten

in seinen Flügeln blätternd rastet.

Die Brille

Korf liest gerne schnell und viel;

darum widert ihn das Spiel

all des zwölfmal unerbetnen

Ausgewalzten, Breitgetretnen.

Meistes ist in sechs bis acht

Wörtern völlig abgemacht,

und in ebensoviel Sätzen

läßt sich Bandwurmweisheit schwätzen.

Es erfindet drum sein Geist

etwas, was ihn dem entreißt:

Brillen, deren Energien

ihm den Text – zusammenziehen!

Beispielsweise dies Gedicht

läse, so bebrillt, man – nicht!

Dreiunddreißig seinesgleichen

gäben erst – Ein – – Fragezeichen!!

Die Mittagszeitung

Korf erfindet eine Mittagszeitung,

welche, wenn man sie gelesen hat,

ist man satt.

Ganz ohne Zubereitung

irgendeiner andern Speise.

Jeder auch nur etwas Weise

hält das Blatt.

Der durchgesetzte Baum

Palmström läßt sich eine Kapsel baun,

und er füllt dieselbe mit Alaun.

Hierauf pflanzt er sie in seinen Garten,

um den Wuchs des Kornes abzuwarten.

Regen fällt, und Sonne scheint darauf,

und die Erde nimmt das Korn in Kauf,

läßt sich täuschen oder denkt: dem Mann

macht es Spaß, und mir kommts nicht drauf an.

Und so treibt sie aus der Kapsel Hals

ein Alaunreis zierlich und voll Salz,

und das Reis erwächst, man glaubt es kaum,

bis zu einem wundervollen Baum.

Palmström (ohne vor Triumph zu turkeln!)

läßt den Baum von A bis Z ver-gurgeln,

und von jedermann, der Halsweh hat. –

Palmström wird der Favorit der Stadt.

Der fromme Riese

Korf lernt einen Riesen kennen,

dessen Frau ihm alles in den Mund gibt,

was sie nicht mag.

Nacht und Tag,

wenn sie ihm solchen Willen kundgibt,

sieht man ihn seine Lippen geduldig trennen

und vorsichtig hinter sein Zahngehege

alles

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