Ungekürztes Werk "Galgenlieder" von Christian Morgenstern (Seite 18)
Reich der Phantasie erhoben.
Palmström, dem schon frühe solches kund,
füllt entsprechend eines Zimmers Wände,
und als Maler großer Gegenstände
macht er dort begeistert Fund auf Fund.
Die Waage
Korfen glückt die Konstruierung einer
musikalischen Personenwaage,
Pfund für Pfund mit Glockenspielansage.
Jeder Leib wird durch sein Lied bestimmt;
selbst der kleinste Mensch, anitzt geboren,
silberglöckig seine Last vernimmt.
Nur v. Korf entsendet keine Weise,
als (man weiß) nichtexistent im Sinn
abwägbarer bürgerlicher Kreise.
L'art pour l'art
Das Schwirren eines aufgeschreckten Sperlings
begeistert Korf zu einem Kunstgebilde,
das nur aus Blicken, Mienen und Gebärden
besteht. Man kommt mit Apparaten,
es aufzunehmen; doch v. Korf ›entsinnt sich
des Werks nicht mehr‹, entsinnt sich keines Werks mehr
anläßlich eines ›aufgeregten Sperlings‹.
Feuerprobe
In das Museum der Gegenbeispiele
zu Stuttgart
kommt nach dem Münchener Elektra-Weihspiele
Palmström
und überreicht dem Kustos, Herrn Kriegar-Ohs,
höflichst
ein Partiturexemplar von ›Figaros
Hochzeit‹ –.
Kriegar-Ohs nimmt sich Muße, den Fall zu buchen,
und spricht dann:
»Dürften wir nicht vielmehr um Sie selber ersuchen,
statt des …«
Drauf eilt Palmström vor das Tor der Stadt Stuttgart
voll Rührung
und zieht dort bis auf die Erde den Hut ab:
Ave!
Die unmögliche Tatsache
Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.
»Wie war« (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
»möglich, wie dies Unglück, ja –:
daß es überhaupt geschah?
Ist die Staatskunst anzuklagen
in bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?
Oder war vielmehr verboten,
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, – kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht –?«
Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!
Und er kommt zu dem Ergebnis:
»Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil«, so schließt er messerscharf,
»nicht sein kann, was nicht sein darf.«
Die Behörde
Korf erhält vom Polizeibüro
ein geharnischt Formular,
wer er sei und wie und wo.
Welchen Orts er bis anheute war,
welchen Stands und überhaupt,
wo geboren, Tag und Jahr.
Ob ihm überhaupt erlaubt,
hier zu leben und zu welchem Zweck,
wieviel Geld er hat und was er glaubt.
Umgekehrten Falls man ihn vom Fleck
in Arrest verführen würde, und
drunter steht: Borowsky, Heck.
Korf erwidert darauf kurz und rund:
›Einer hohen Direktion
stellt sich, laut persönlichem Befund,
untig angefertigte Person
als nichtexistent im Eigen-Sinn
bürgerlicher Konvention
vor und aus und zeichnet, wennschonhin
mitbedauernd nebigen Betreff,
K o r f. (An die Bezirksbehörde in –.)‹
Staunend liests der anbetroffne Chef.
Die wirklich praktischen Leute
Es kommen zu Palmström heute
die wirklich praktischen Leute,
die wirklich auf allen zehn Zehen
im wirklichen Leben stehen.
Sie klopfen ihm auf den Rücken
und sind in sehr vielen Stücken –
so sagen sie – ganz die Seinen.
Doch wer, der mit beiden Beinen
im wirklichen Leben stände,
der wüßte doch und befände,
wie viel, so gut auch der Wille,
rein idealistische Grille.
Sie schütteln besorgt die Köpfe
und drehn ihm vom Rock die Knöpfe
und hoffen zu postulieren:
er wird auch einer der Ihren,
ein Glanzstück erlesenster Sorte,
ein Bürger, mit einem Worte.
Palmström wird Staatsbürger
I
Palmström weigert sich (ganz selbstverständlich)
irgendwelchen Heeresdienst zu tun.
Doch die Mehrzahl schilt dies feig und schändlich.
Denn man ist noch rings um ihn katholisch
oder protestantisch usw.
und da gilt es noch als diabolisch
einen Christenmenschen nicht zu morden,
heischen dies Gott, König, Vaterland.
Palmström ist hierauf verhaftet worden.
II
Im Gefängnis sitzt der Brave,
doch er sagt sich: ins Gefängnis
sollte jeder, der kein Sklave.
Alle wahrhaft freien Seelen
sollten diese ihrer einzig
werte Stätte nicht verfehlen.
Ohne Murren, ohne Zucken
sollten sich der Freien Nacken
unter der Gewalt Joch ducken.
Bis das Volk der breiten Fährte
erst durch Staunen, dann durch Denken
gleichfalls